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Vorbemerkungen

 

Dies ist die Geschichte meines Lebens, meiner Kindheit, meiner Jugend, meiner Zeit bis zu meinem 40. Lebensjahr, als ich mich dann entschieden habe ...

Und aus meiner Sicht ist alles so geschehen, wie ich es hier niedergeschrieben habe.

 

Sicher unterscheidet sich meine Erinnerung von den Erinnerungen anderer an diese Zeit; denn auch bei Erinnerungen kommt es auf die Sichtweise des Betrachters an. Ebenso sind mit viele Handlungsweisen erst im Laufe der Zeit und mit fortgeschrittener Lebenserfahrung klar geworden.

 

Dies ist aber auch eine geschichtliche Dokumentation, und ich zitiere manchmal aus der Familienchronik; vieles hat sich zum Glück verändert; aber ich denke, dass es auch wichtig ist, Vergangenes festzuhalten.

 

Ich werde hier in meinen Aufzeichnungen meine Mutter nur mit ihrem Vornamen, Frieda, benennen, da ich mir unter einer "Mutter" einen anderen Charakter vorstelle.

 

Die Geschichte, die ich erzähle, ist nicht immer chronologisch geordnet, obwohl ich mich darum bemüht habe.

Auch überschneiden sich manchmal die Erzählungen der einzelnen Kapitel, da sie nicht immer einfach zuzuordnen waren. Und manchmal erzähle ich Begebenheiten auch in zwei Kapiteln, weil sie Bezug zu beiden haben.

 

"WAS wir sind, bestimmt unsere DNS, aber WER wir sind, ist Ergebnis unserer Erfahrungen", sagte ein CSI-Ermittler (ich will mich da nicht mit falschen Federn schmücken); ich glaube, das stimmt.

 

Ich begann mit meinen Aufzeichnungen, als ich 2008 eine todkranke Freundin in Mecklenburg-Vorpommern zum letzten Mal besuchte, die man bis fast zuletzt über ihren Zustand im Unklaren gelassen hatte, bis ich kam, und ihr dortiges neues Umfeld, und vor allem ihr Partner hatten wohl Angst, dass ich meine Freundin aufklären würde.

 

Damals, Anfang November, verbrachte ich viel Zeit alleine mit meinem Laptop in meinem Hotelzimmer. Und ich fing an zu schreiben.

 

Mitte Dezember verstarb meine Freundin, ohne dass ich oder andere "alte" Freunde von ihrem Tod unterrichtet worden wären. Nur durch Zufall erfuhren wir davon.

Und ich hoffe, dass ihr damaliger Partner sowie die selbsternannten Freunde für ihre Handlungsweise in der Hölle schmoren.

 

Ich werde das alles sicher an späterer Stelle ausführlich erzählen.

 

Manchmal war die zeitliche Zuordnung von Geschehnissen, die so lange zurück liegen, nicht einfach. Aber mit Eselsbrücken, wie: Welches Auto haben wir damals gefahren? - Bei welcher Arbeitsstelle war ich damals? - und mit dem Kramen in Zeugnissen bin ich meist weiter gekommen.

 

Zuerst hatte ich nicht vor, Dinge aus der Familienchronik zu erwähnen, aber bei Gesprächen mit Freunden konnte ich feststellen, dass diese davon sehr fasziniert waren. Und so habe ich einige Aufzeichnungen daraus übernommen.

 

Meine Aufzeichnungen haben mich viele Stunden Schlaflosigkeit in meinen Nächten gekostet. Oft fiel bzw. fällt mir immer noch gerade beim Einschlafen noch etwas ein, das mir dann keine Ruhe lässt; und ich stehe wieder auf und schreibe meine Gedanken nieder.

 

 

 

 

Das Dorf

 

Sie haben noch nie von Steinhardt gehört? Das wundert mich nicht. Es liegt im Kreis Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz. In meiner Kindheit war es ein Dorf von noch nicht einmal 200 Einwohnern, mit der einzigen Besonderheit, dass es dazu auch noch ein geteiltes Dorf war (so wie Deutschland dann viele Jahre geteilt war). Nur eine Mauer, die hatte man nicht gebaut.

 

Später ließen sich, der günstigen Bodenpreise wegen, einige Bundeswehrbedienstete in Steinhardt nieder, und so kamen ein paar Einwohner hinzu; noch später wurde Steinhardt nach "Bad Sobernheim" eingemeindet.

 

Steinhardt lag bis zum Bau einer Umgehungsstraße, der erst nach meinem Wegzug erfolgte, direkt an der B41 auf einer Anhöhe zwischen eben dieser Kleinstadt (Bad) Sobernheim (damals einfach nur "Sobernheim") und dem Ort Waldböckelheim. Auf der Anhöhe verlief eine Querstraße, die gleichzeitig die Grenze zwischen den beiden Ortsteilen war: Der östliche Teil gehörte zum Amt Waldböckelheim, der westliche zur Stadt Sobernheim.

 

Aus diesem Grund mussten die Kinder früher, d. h. noch in Friedas Generation, auch getrennt zur Schule gehen; denen meiner Generation blieb das erspart - wir besuchten alle die Schulen in Sobernheim, das damals zwar schon eine Felke-Kurstadt, aber noch kein "Bad" war.

 

Es gab im Dorf keine Schule, keine Kirche; aber es gab zwei Geschäfte: einLeben Bäcker, der sich später zu einem kleinen Einkaufscenter wandelte, das von der SPAR-Kette beliefert wurde; und in meiner frühen Kindheit noch eine kleine "Kolonialwarenhandlung", deren Inhaber mit einem kleinen Eselkarren über Land fuhr. Dort wurde auch die in die Molkerei abgelieferte Milch abgerechnet und die Butter ausgegeben.

 

Allerdings gab es zwei Gasthöfe, für jeden Teil des Dorfes einen. Diese dienten auch als Wahllokale, denn es gab ja zwei Wahlbezirke. Der Gasthof auf der Waldböckelheimer Seite gehörte meinen Eltern und war schon seit vielen Generationen im Besitz der Familie mütterlicherseits.

 

Die Lebensgrundlage der Dorfbewohner war hauptsächlich die Landwirtschaft, und es gab etwas Weinbau, obwohl die Lage dafür eher ungünstig war.

 

Es gab schon seit meiner frühen Kindheit eine Wasserleitung und auch Stromversorgung, was damals nicht in allen Dörfern selbstverständlich war; jedoch gab es keine Kanalisation, die wurde erst gebaut als ich schon nicht mehr in Steinhardt lebte, also Ende der 60er bzw. Anfang der 70er Jahre.

Jedoch hatte die Wasserversorgung in heißen Sommern ihre Tücken. Steinhardt liegt, wie gesagt, auf einer Anhöhe, das Wasser wurde von Sobernheim "geliefert". Und wenn das Wasser knapp wurde, reichte der Druck nicht aus, um das Wasser bis zu uns zu schaffen; dann mussten am frühen Morgen alle zur Verfügung stehenden Wannen und Eimer gefüllt werden, und man musste sich tagsüber, meist ab der Mittagszeit, daraus bedienen.

 

Ach so, ja! Eine Besonderheit hat der Ort: “Steinhardter Erbsen”. Diese stammen aus dem Tertiär, sind also ca. 30 Mio Jahre alt. Wahrscheinlich, so habe ich es in der Schule gelernt, befand sich in diesem Landstrich ein Meer. Kohle, Holz, kleine Schnecken usw. wurden von Sand umschlossen, danach durch die Wellenbewegung zu Kugeln oder Eiern geformt, und irgendwann versteinerte das Ganze. Wir Ortsansässige benutzten diese Steine oft als Umrandungen für Gartenbeete.

 

Manchmal kamen Archäologen und untersuchten dieses Phänomen, das es sonst nur noch an einer weiteren Fundstelle auf der Krim gibt.

 

Eine Legende über diese Steine gibt es auch:

 

Vor langer, langer Zeit lebte ein reicher, aber hartherziger Bauer in Steinhardt. (Anm.: Sonst wäre er ja nicht so reich geworden.) Im Frühling fuhr er hinaus auf seinen Acker um Erbsen zu säen. Als er fast fertig war, kam ein armer, alter Mann zu ihm und bat höflich um ein paar Erbsen, damit seine Frau eine Suppe davon kochen könne. Aber der reiche Bauer jagte den Bettler davon: Eher sollten seine Erbsen zu Stein werden, bevor er auch nur eine Handvoll verschenken würde. Traurig ging der alte Mann davon und der Bauer säte weiter. Aber sein Sack auf der Schulter wurde immer schwerer und er bemerkte mit Entsetzen, dass sich die Erbsen in runde Steine verwandelt hatten; und auch die Erbsen, die er bereits gesät hatte, waren zu Stein geworden. Noch heute findet man in den Äckern und Weinbergen rund um Steinhardt diese seltsamen Steingebilde, die im Volksmund Steinhardter Erbsen heißen.

 

 

 

 

Aus der Familienchronik bzw. den Kirchenbüchern

Am 1. September 1619

 

Seindt Diel Hanen Frau Margareth und Peter Schmittes Frau Christina wegen ihrer übermäßigen Bosheit und unerhörten Scheltworten fürbescheiden und weil sie hierfür straffällig vom Herrn Schultheißen erkannt worden, ist dem Urheber dero Geige Trags und 5 fl. (Florin, Gulden) zur Strafe vom Schultheißen uffgesetzt worden.

 

Anmerkungen:

1. Margarethe, die Frau von Dielmann Hahn, seit 1610 verheiratet.

2. fürbescheiden: vorbeschieden, vorgeladen

3. Geige Trags: Geige tragen, Strafe im Mittelalter.

 

Die Geige war ein Brett mit einem Loche, in das der Kopf gesteckt wurde. An dem Brett wurde noch eine Schelle befestigt und dann wurde die betreffende Person durch den Gerichtsdiener durch den Ort getrieben.

 

Sollte man diese Strafe nicht wieder einführen?

 

 

 

 

 

 

 

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