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Mein Sohn und der Erdbeerkuchen

 

Es war während der “pubertären Fressphase” meines Sohnes, dass wir an einem Sonntag die Kölner Verwandten von H. besuchten; seine Eltern waren auch mit hin gefahren.

 

Es gab Erdbeerkuchen.

 

Wir alle waren schon vollauf gesättigt, aber es war noch ein halber oder dreiviertel Erdbeerkuchen übrig.

 

Mein Sohn schaute in die Runde: “Möchte noch jemand vom Kuchen?” - “Nein.”

“Gut”, sagte er, “dann esse ich ihn.”

 

Und er zog die Tortenplatte mit dem restlichen Erdbeerkuchen zu sich und aß ihn gleich von der Platte, ohne sich die Mühe zu machen, Stück für Stück auf seinen Kuchenteller zu geben.

 

Ich glaube, ich wurde puterrot. Jedenfalls schämte ich mich sehr für meinen Sohn, der so jegliche Erziehung vermissen ließ.

 

 

 

 

1968 - 1970

 

Durch all diese Geschehnisse in Zusammenhang damit, dass ich meine Tochter in ein Kinderheim geben musste, fiel ich natürlich wieder in ein tiefes schwarzes Loch, das ich oft mit Alkohol auffüllte. Aber ich versuchte auch, meine Abende sinnvoller zu verbringen als in der benachbarten Kneipe.

 

So trat ich der Schauspielgruppe der VHS bei. Das gefiel mir! Weniger die Auftritte, bei denen ich fast starb vor Lampenfieber, als die Gesellschaft von netten Menschen. So lernte ich auch die Tochter meiner damaligen Hebamme kennen, mit der zusammen ich zu einer Jazztanzgruppe ging. Ein ganz klein wenig Ersatz für den nicht erlaubten Ballettunterricht in Kindertagen.

 

Und ich lernte eine andere Gudrun kennen, damals noch Lehrling - Entschuldigung - Auszubildende in einer Drogerie und Parfümerie, mit der ich dann gut befreundet war, und die mich durch einige Höhen und Tiefen begleitete. Ich war oft bei ihr und ihrer verwitweten Mutter zu Hause zu Gast. Sie wohnten in einem Ort nicht weit von Bad Kreuznach. Sie, ihr damaliger Freund und ich fuhren regelmäßig mit den örtlichen Opern-Fans im Bus nach Wiesbaden zu Opernaufführungen.

 

Sie rief ich auch an, als ...

 

Ich hatte mich ernsthaft in einen Kollegen verliebt, und er sich in mich - dachte ich. Wir verlebten ein paar wunderschöne Monate. Ich war einfach nur glücklich! Aber dann an Rosenmontag? Fastnachtsdienstag? eröffnete er mir, dass er sich in eine andere Frau wieder verliebt hätte, frühere Schulkameradin, blablabla. Und sicher nicht mit so viel “Altlasten” beladen. Ich war natürlich am Boden zerstört, ich konnte nur noch heulen. Ich rief Gudrun von der Telefonzelle in der Nähe aus an (ich hatte damals keinen Telefonanschluss). Und Gudrun war da für mich.

 

Sie kam zu mir, tröstete mich, kühlte mein vom vielen Weinen verquollenes Gesicht - und schminkte mich aufs kunstvollste, so wie sie es in ihrer Parfümerie gelernt hatte. - Und dann verbot sie mir, ihr Kunstwerk mit weiteren Tränen zu zerstören! Und ihr Verbot half!

 

Durch diese VHS-Theatergruppe lernte ich auch eine Kreuznacher Marktfrau kennen, ein absolutes Unikum! Sie spielte später in Edgar Reitz’ Film-Epos “Heimat” eine Hauptrolle und hatte auch mitfahren dürfen nach Venedig zur Biennale.

 

Mit deren Sohn verband mich eine gute platonische Freundschaft. Er hatte sich nicht lange vorher von einer Freundin getrennt (oder sie sich von ihm, das weiß ich nicht mehr), ich war auch alleine, und so trafen wir uns hin und wieder, auch bei mir in meiner kleinen Wohnung, spielten Karten, quatschten, tranken etwas, oder wir fuhren auch schon mal zusammen zu irgendwelchen Fastnachtsveranstaltungen, wo dann im großen und ganzen jeder seinen eigenen Weg ging.

 

Aber eines Tages klingelte es - und seine Mutter stand vor meiner Tür! Sie warf mir vor, mich an ihren (in ihren Augen wohl kostbaren ☺) Sohn heran zu machen, ihm andere Chancen zu verbauen! ICH, eine geschiedene Frau, eine mit einem ehelichen und einem unehelichen Kind! Also so etwas Verdorbenes war ihr noch niiiieeee untergekommen! Um des lieben Friedens zwischen Mutter und Sohn willen beendeten wir unsere platonische Beziehung. Und ich die Beziehung zum Schauspiel.

 

“Nix wie enunner!” heißt es jedes Jahr so um den 15. August, Napoleons Geburtstag. Dann findet in Bad Kreuznach der jährliche Jahrmarkt statt (Dauer 5 Tage, über 500.000 Besucher, Gelände “Pfingstwiese”, 63.000 qm), und das seit 1810. Der Name des Geländes rührt von einer schon im Mittelalter stattfindenden Mai-Messe her.

 

Früher gab es für den Besuch dieses Jahrmarktes bei allen Behörden der Stadt zumindest einen halben Tag Sonder-Urlaub, und Montag war der Tag, an dem die meisten Arbeitnehmer und Behördenchefs (schon seit dem offiziellen Frühschoppen) dort anzutreffen waren. Ob es mittlerweile immer noch Jahrmarkt-frei gibt, bezweifle ich. Aber genauso bezweifle ich auch, dass dadurch mehr gearbeitet wird.

 

Also: Beim Jahrmarkt 1969 lernte ich H. kennen. Er wurde mein zweiter Ehemann. Der Reihe nach:

H. traf ich im sogenannten Tanzzelt. Damals gab es das noch, später wurde es abgeschafft, weil es dort immer die meisten Schlägereien gegeben hatte. Er war mit einigen Freunden dort, einer davon hatte mich zum Tanzen aufgefordert, aber H. gefiel mir besser. Wie so oft kam es irgendwo im Zelt zu einer “Meinungsverschiedenheit”; wir alle verdrückten uns. Irgendwie wurden wir beiden von seinen Freunden getrennt oder ließen uns von den anderen trennen. Ich weiß nur noch, dass wir Autoscooter fuhren, dass er durch eine der ach so beliebten Auto-Rempeleien mit der Brust aufs Lenkrad geschleudert wurde und erst mal keine Luft bekam. Wir gingen irgendwo hin, wo es etwas ruhiger war, damit er sich erholen konnte.

 

Da es dann in der Nacht keine Möglichkeit mehr gab, dass er heim gekommen wäre in seinen Ort ca. 10 km von Bad Kreuznach entfernt, nahm ich ihn mit zu mir; am nächsten Tag fuhr er dann mit dem Bus nach Hause. Auto hatte er nicht, noch nicht mal einen Führerschein.

 

H. war genau wie ich schon einmal verheiratet gewesen und geschieden, nur war seine Ehe kinderlos geblieben. Seine Ex war wieder verheiratet und hatte ein Kind. Ich erzählte ihm, dass ich gerne noch ein Kind hätte - Ersatz für Kerstin?

 

Wir sahen uns regelmäßig. Erst mal nur bei mir. Aber bald lernte ich auch seine Eltern und seine Schwester kennen. Was für eine Familie! Ganz das Gegenteil zu meiner! Vielleicht war es das, was mir am besten an H. gefiel?!

 

Seine Mutter stammte aus Köln, war etwas simpel und immer noch geprägt von den Kriegsjahren, als jeder sparsam wirtschaften musste. “Hauptsache billig” war ihr Lebensmotto. Sie konnte überhaupt nicht einsehen, dass oft gerade das Billige das Teurere ist; ihr Mann schimpfte sie oft deswegen. Und sie wunderte sich des öfteren, wenn sie z. B. von mir ein Rezept für einen Kuchen bekam, der ihr bei mir sooo gut geschmeckt hatte, dass er ihr dann nicht so gut gelang. Nur: Wenn da z. B. 8 Eier rein sollten, dann meinte sie, dass es vier auch tun würden. Das kann ja nichts werden!

 

Der Vater hatte eine Vorkriegs-Schussverletzung am Hals, die ihm den Wehrdienst erspart hatte, die ihm aber das Atmen enorm erschwerte. Wenn ihr ihn nie schnarchen hörtet, dann wisst ihr nicht, was Schnarchen ist! Er war für den Bund der Hirnverletzten tätig, und dafür auch öfter unterwegs. Er stammte aus L., war ein uneheliches Kind, dessen Herkunft niemals preisgegeben wurde. Seine Mutter war “in Stellung” gewesen, das Kind wurde von ihr und ihren Geschwistern aufgezogen. Nie war die Rede von “Bastard”, nie von “Mutter rauswerfen” oder “Schande”. Also eine ganz andere Familie als die meine.

 

Bald spielte sich ein regelmäßiges Wochenend-Leben ein: Eines verbrachte H. bei mir in Bad Kreuznach, das nächste war ich dann bei seinen Eltern in L.; nach und nach lernte ich die ganze Verwandtschaft kennen.

 

Allen voran “Tante Hella” und “Onkel Hans”, die in Bad Kreuznach wohnten. Er stammte aus einer Gastwirts-Familie in Frankfurt-Sachsenhausen. Sie war ursprünglich aus Berlin aus einer kinderreichen Familie und war von der Familie in L. als Pflegekind aufgezogen worden, war wie eine Schwester von H.s Vater; sie waren auch die Paten von H.

 

Onkel Hans war im Krieg durch eine Granate verletzt worden. Jung verheiratet verlor er beide Unterarme und beide Augen. Seine Frau war in die Tschechoslowakei ins Lazarett gefahren, hatte ihn dort gepflegt und hat ihn liebevoll versorgt bis an sein Lebensende.

Mich nannte er immer “Adelheid”, denn, so sagte er, seine erste Freundin hätte Adelheid geheißen, und sie hätte die gleiche Stimme gehabt wie ich. Früher soll er, so H., trotz seiner schlimmen Verletzung, dank seiner Frau, ein lebenslustiger Mensch gewesen sein, der auch mal alleine in eine Kneipe ging zum Karten spielen. Mittlerweile plagten ihn diverse Zipperlein, wie sie bei uns allen im Laufe der Jahre nicht ausbleiben.

 

Tante Hella hatte ihr ganzes Leben auf ihn abgestellt und gab ihm nie das Gefühl, kein “ganzer Mann” zu sein. Wichtige Entscheidungen wurden nur gemeinsam getroffen. Ich erinnere mich, dass der Weihnachtsbaum immer nur mit roten Kugeln, mit einer kleinen Schleife oben, geschmückt war. Denn so kannte er es von früher von zu Hause. So konnte er sich den Weihnachtsbaum vorstellen; dabei gemogelt oder ihn belogen hätte sie nie! Auf Kinder hatte sie seinetwegen verzichtet. Sie war wohl zumindest einmal schwanger gewesen, hatte jedoch die Schwangerschaft abgebrochen. Aber solche Dinge erzählte man damals höchstens “hinter vorgehaltener Hand”, denn sie waren illegal.

 

H. war im Schützenverein Bingen - und ein Waffennarr. Vor Weihnachten 1969 gab es die Sonderausgabe eines historischen Winchester-Gewehrs zum Gedenken an das erfolgreiche Zusammentreffen der Eisenbahnstrecken durch den US-amerikanischen Kontinent. Sie hatte vergoldete Beschläge und zeigte den letzten Nagel, mit dem die Geleise, die einmal von Ost nach West und zum anderen von West nach Ost verlegt worden waren, zusammengefügt wurden, den Golden Nail. Von diesem Gewehr wurde nur eine ganz gering limitierte Auflage hergestellt - ich schenkte ihm eines davon zu Weihnachten. Fast 800 DM kostete es.

 

Und wir fuhren an einem Weihnachtstag nach Steinhardt; ich wollte den “Neuen” präsentieren. Es war ein Desaster ohnegleichen. Wenn mein Bruder nicht auch da gewesen wäre, der sich als Einziger bemühte, etwas Normalität zu demonstrieren, wäre es noch absurder gewesen. Frieda schien H. vollkommen abzulehnen, sprach mit ihm kein Wort. Obwohl sie ja auch zu mir nie sehr herzlich gewesen ist. Eiskeller trifft die Atmosphäre am ehesten. Mein Vater war nicht zu Hause, er war zur Reha wegen seines Herzens. Wir waren froh, als wir uns wieder verabschieden konnten. Ich weiß gar nicht, wie wir überhaupt nach Steinhardt gekommen waren, denn ein Auto besaßen wir damals (noch) nicht.

 

H. arbeitete schon seit längerer Zeit in einer Bad Kreuznacher Getränkemaschinen-Fabrik im Auslandsversand. Eigentlich hätte er gerne einen Handwerksberuf erlernt wie sein Vater, der Elektriker gewesen war, aber der meinte (wie so viele), sein Sohn “solle es einmal besser haben” und eben einen Bürojob machen.

 

Bei aller Weltoffenheit hatte der Vater strenge Regeln: In seinem Haus durften wir unverheiratet nicht in einem Zimmer schlafen. Das führte schon mal zu absurden Vorfällen, z. B. als die Verwandten aus Köln zu Besuch waren, wir den ganzen Abend zusammengesessen hatten; H. hätte lt. seinem Vater in einem Schlafsack auf dem Fußboden des Flures schlafen sollen. Auch die Verwandten redeten ihm zu; aber er hatte seine Prinzipien! Was wir woanders, sprich in meiner Wohnung in Bad Kreuznach, taten, das war ihm zwar klar und auch egal; aber in seinem Haus - NEIN!!! Da war nicht dran zu rütteln. Also bestellten wir ein Taxi und fuhren wütend nach Bad Kreuznach.

 

Seinen Wehrdienst hatte H. bei den Fallschirmjägern in Lebach im Saarland abgeleistet. Dass er als Wehrpflichtiger dazu ausgebildet wurde, war eine Ausnahme. Die Bundeswehr hätte ihn gerne behalten, aber er war sehr an seinen Heimatort bzw. seine Familie gebunden und lehnte ab. Trotzdem war wohl die Zeit bei der Bundeswehr für ihn ein Höhepunkt seines Lebens, denn er erzählte immer wieder davon.

 

Wir verbrachten unsere Freizeit oft und viel in freier Natur, wanderten durch die H. gut bekannten heimischen Wälder, und zelteten - was damals noch möglich war - auf Gemeindegrundstücken an der Nahe.

Als wir das zum ersten Mal machten, es war im Spätsommer/Herbst 1969, war schlichtweg ein Sch...wetter. Wir hatten unser Zeltchen aufgestellt, das Feuer brannte, ein Topf mit unserem Abendessen hing schon über dem Feuer, und Musik in Form eines tragbaren Radios hatten wir auch. H. musste nochmal nach Hause; er wollte sich bei einem Freund, bzw. beim Freund seiner Schwester einen zweiten Schlafsack ausleihen. Aber mir konnte ja nichts passieren: Er hatte mir einen Revolver dagelassen. Ich begleitete H. ein kurzes Stück, ging wieder zurück zu unserem Lagerplatz - da hörte ich Stimmen! Ich griff die Waffe gleich fester. Ich hatte schlichtweg Angst. Tapfer ging ich weiter - die Stimmen schwiegen - und wieder ertönte Musik! Ich hatte schlichtweg den Radiosprecher gehört. Wir haben oft darüber gelacht.

 

Im Sommer waren solche Exkursionen natürlich viel schöner! Da wir das recht oft machten, wollte dann auch seine Schwester mit ihrem Freund und späteren Ehemann mal mit. Aber sie war kein Typ für so etwas. Ihr fehlten die Annehmlichkeiten des elterlichen Hauses, und sie blieb deshalb meist auch nur tagsüber bei uns und abends ging sie zum Schlafen nach Hause. Camping light.

 

Obwohl sie andererseits gerne alles, was ich machte, für sich adaptierte.

 

Ich hatte mir schon für meine kleine Wohnung zwei Wellensittiche gekauft; sicher hießen sie Romeo und Julia, oder Othello und Desdemona - oder so. Denn Shakespeare war für uns Hobby-Schauspieler der Größte.

 

Im Frühjahr/Frühsommer war ich umgezogen in eine 2-Zimmer-Wohnung. Besitzer der Wohnung bzw. des Hauses war ein ehemaliger Lehrer, der aber nicht in Bad Kreuznach wohnte. Ein Kontroll-Freak! Er behielt von jeder? - jedenfalls von meiner Wohnung - einen Schlüssel - und kontrollierte. Ich blieb nicht sehr lange in dieser Wohnung. Kontrolliert war ich ja von Frieda worden, das reichte für’s Leben.

 

Eigentlich hatten H. und ich kurz nach meinem Umzug in Urlaub fahren wollen. Wir hatten uns eine große Fahrrad-Rundfahrt vorgenommen. Erst sollte es den Rhein abwärts gehen bis zur Ahr, dann die Ahr entlang nach Westen, und weiter nach Frankreich, dann nach Süden und wieder zurück nach Bad Kreuznach. Wir waren auch losgefahren. Aber das Wetter hatte uns im Stich gelassen. Es hatte so viel geregnet, dass die Orte entlang des Rheins teilweise unter Wasser standen, und wir mussten immer wieder unsere Fahrräder durch Hochwasser schieben, waren dann natürlich auch völlig durchnässt. Es machte einfach keinen Spaß! Also änderten wir unsere Route und fuhren weiter stromabwärts. Irgendwo war noch ein großer Lkw an uns vorbei gebraust und hatte uns den Rest gegeben: Es regnete nicht nur, es schüttete, und der Lkw hatte uns mit einer Ladung Spritzwasser übergossen. Hätte ja auch ein bisschen ausweichen können, der Armleuchter!

 

Jedenfalls stellten wir unser Zelt auf einer Wiese bei Remagen auf. H. hatte einen selbst umgebauten Revolver dabei, “für alle Fälle”, wie er meinte. Am Abend gingen wir in eine Kneipe/Disco im Ort. Den nächsten Tag, Sonntag, noch ein Regentag, verbrachten wir in einer Kneipe, deren Besitzer sehr freundlich zu uns waren. Am Montag fuhren wir dann mit dem Zug bis nach Aachen. Wir wollten die verlorene Zeit wieder aufholen.

 

Das Wetter war herrlich! Wir wollten uns die Stadt anschauen, besonders natürlich den Dom und dessen Umgebung. Aber anstatt unsere Fahrräder mit Zelt, Schlafsäcken usw. am Bahnhof in die Gepäckaufbewahrung zu geben, was das Sicherste gewesen wäre, wollte H. sie irgendwo in einem Wald deponieren. Was für ein Schwachsinn! Wir legten also unsere Fahrräder usw. etwas außerhalb in einem sehr lichten Waldstück ab und gingen in die Stadt zurück.

 

Als wir von unserem Stadtbummel zurück kamen, empfing uns die Polizei. Spaziergängern waren die herrenlosen Fahrräder aufgefallen, sie hatten die Polizei gerufen, die hatten natürlich auch den selbstgebauten Revolver gefunden. Wir wurden mit auf die Wache genommen und verhört.

 

Natürlich fragten sie, wer denn diese Waffe gebaut hätte. Wahrheitsgemäß antwortete H., dass er das gewesen sei. Daraufhin kam die Frage, was er denn von Beruf sei. Antwort: Kaufmännischer Angestellter. Den Gesichtsausdruck der Polizisten werde ich nie vergessen!

 

Sie ließen uns laufen, zum Glück, unter Androhung einer Strafe; sie würden die Polizei in seinem Wohnort über den Vorfall unterrichten, und dort würde er nochmal aussagen müssen.

Das Ganze verlief dann zum Glück im Sande, da in seinem Heimatort ihn doch jeder kannte.

 

Durch diesen Vorfall hatten wir natürlich die Lust an einer Weiterfahrt verloren, setzten uns am nächsten Tag in den Zug, fuhren nach Köln, wo wir den Dom besichtigten und seine Verwandten mütterlicherseits besuchten. Von Köln aus fuhren wir mit der Eisenbahn nach Bad Kreuznach zurück.

 

So kam es zu der absonderlichen Situation, dass mein Hausherr, der besagte Lehrer, der ja annahm, dass wir uns auf Urlaubsreise befänden, eines Nachmittags in meine Wohnung kam. Es war mir bei meiner Rückkehr schon aufgefallen, dass ich den Rollladen im Wohnzimmer hochgezogen gelassen hatte, und dass er dann herunter gelassen war. Aber ich dachte ja da noch an einen Irrtum meinerseits. Jedoch mitnichten! Der Herr Lehrer hatte ihn herunter gelassen, da er meinte, das würde meinen Sansevierien besser bekommen.

 

Jetzt wieder zu den Wellensittichen. Ich nehme an, dass ich meine Wellensittiche für die Zeit unserer Abwesenheit H., der Schwester meines Freundes, anvertraut hatte; und sie hatte den Tick, alles zu kopieren.

 

Da ich gelesen hatte, dass Wellensittich-Weibchen sich ihren Partner selbst aussuchen möchten, hatte ich mir ein zweites Pärchen angeschafft, hatte also nun vier Wellensittiche. Es klappte auch dann irgendwann mit dem Nachwuchs.

Ich hatte vier, H. schaffte sich acht an! Ich fotografierte (hatte es ja schon als Kind von meinem Vater gelernt - und tue es immer noch) - H. fing auch damit an. Sie kopierte alles, konnte sich nichts Eigenes zulegen.

 

Wir besuchten Paris! Mit dem Nachtzug von Bad Kreuznach aus hin, morgens zum Frühstück waren wir dort. Mit Sack und Pack - sprich Zelt usw. kämpften wir uns durch bis zum Campingplatz am Bois de Boulogne, direkt an der Seine. Diesen Ausflug machten wir einige Male und entdeckten Paris per Metro und zu Fuß. Bei einem Chinesen im Universitätsviertel lernte ich mit Stäbchen essen.

 

Auf dem Campingplatz kamen wir am Abend in der Kneipe mit einem finnischen Ehepaar (ER Zahnarzt, SIE Krankenschwester) aus Rautalampi ins Gespräch. Besonders er hatte schon kräftig dem ungewohnten Rouge zugesprochen. Und dann fragte er zu vorgerückter Stunde meinen Mann: “Was hältst Du denn von Adolf Hitler?” H. äußerte sich sehr vorsichtig, denn er wollte ja keinen Krach provozieren. Aber der Herr Zahnarzt hub an zu einer Lobestirade auf das Lebenswerk des besagten Herrn. Wir waren einfach nur - Baff! Das hätten wir nun wirklich nicht erwartet.

 

Als wir später einmal mit meinem Bruder am Abend in Bad Kreuznach beim Chinesen waren und auch mit Stäbchen aßen, war das ein solches Ereignis für die anderen Gäste, dass sie selbst fast das Essen vergaßen, und uns nur groß anstarrten. Wir warteten schon darauf, dass am nächsten Tag in der Zeitung stehen würde: “Deutsche Restaurantbesucher aßen mit Stäbchen!” Oder so ähnlich.

Heutzutage, wo das fast jeder kann und tut, mache ich das nicht mehr! Außer ich bin in Asien.

 

Bei einem Ausflug nach Rüdesheim am Rhein lernten wir in der Drosselgasse in einem Lokal eine englische Familie kennen, die nach einem Stift fragte, um eine Ansichtskarte zu schreiben. Mit dieser Familie hatten wir viele Jahre Kontakt. Wir besuchten sie einige Male in England, und sie uns auch einmal in Bad Kreuznach. Leider riss der Kontakt noch vor unserer Scheidung irgendwann ab.

 

1970 heiratete H. ihren langjährigen Freund; es wurde eine größere Familienfeier abgehalten. Die beiden richteten sich in ihrem Elternhaus in zwei Zimmern + Küche ein. Wir verbrachten dort recht oft gemeinsam lustige Abende.

 

Ich wechselte meine Arbeitsstelle im Herbst 1970. Bei der Behörde, bei der ich so lange beschäftigt gewesen war, hatte ich gekündigt, denn der neue Chef war ein Ekel; er machte für mich den Eindruck eines Gestapo-Beamten mit seinem Ledermantel und seinem Lederhut - und er benahm sich auch so.

 

Ich arbeitete dann bei einem Sanatorium in Bad Münster am Stein, das ja gleich bei Bad Kreuznach liegt, durch das Salinental mit den Gradierwerken der Stadt und den vielen Sanatorien verbunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

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