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Der standesbewusste Offizier

 

Es wurde die Geschichte eines Vetters von Frieda erzählt, der Offizier war, und seinem Schwager, der nur einen Mannschafts-Dienstgrad hatte. Der Offizier war dermaßen arrogant und eingebildet, dass er seinen Schwager auch bei privaten Treffen (z. B. beim gemeinsamen Essen im Familien-kreis) nur in der dritten Person anredete; also z. B.: “Reiche Er mir mal die Kartoffeln”.

 

Dieser Offizier wanderte nach dem verlorenen Krieg mit seiner Frau (eine unangenehme Person, passend zu ihm sehr hochnäsig und von sich selbst eingenommen) nach Canada aus.

 

Als dann die Bundeswehr gegründet wurde, kamen sie wieder zurück. Er wurde wieder als Offizier angestellt, war bald Standort-Kommandeur im fränkischen Hammelburg. Wie üblich, wurde er zu Ende seiner Laufbahn noch mal befördert und auf die Hardthöhe versetzt.

 

Ob das derselbe war, von dem erzählt wird, dass er, als er neue, natürlich weiße! Handschuhe als Uniform-Accessoires kaufte, drei (???!!!) haben wollte, und auf die Frage nach dem Warum antwortete: “Einen zum Schlenkern”, weiß ich nicht. Aber es würde passen.

 

 

 

 

Die Familie(n)

 

Es gibt ein Stammbuch bzw. eine Familien-Chronik der Familie mütterlicherseits, die bis ins Jahr 1575 zurückreicht (vorher existierten keine Kirchenbücher). Angeblich sollen Anfang des 16. Jh. die Vorfahren aus Graubünden eingewandert sein. Sie waren Zwinglianer und mussten wegen ihres Glaubens von dort weg und wurden von der Kurpfalz aufgenommen. Sie arbeiteten schon damals als Schmiede.

 

Entsprechend groß war die weitverzweigte Verwandtschaft, deren Zusammenhänge Frieda fast vollständig im Kopf hatte. Sie hielt auch mit den meisten der Verwandtschaft Kontakt.

Ich selbst bin als 13. Generation aufgeführt.

 

In den letzten beiden Generationen waren die Ehemänner von Großmutter und Urgroßmutter sehr früh verstorben und die Frauen hatten ein langes Witwendasein geführt. Und zumindest Großmutter und Frieda waren für ein anderes, “besseres” Leben erzogen worden, mussten dann aber doch den Betrieb zu Hause übernehmen. Im Fall von Frieda geschah dies durch den 2. Weltkrieg mit der Folge, dass ihr Bruder Otto, der ja mal den Betrieb übernehmen sollte, noch auf dem Rückzug aus Russland - sprich auf der Flucht - ums Leben kam.

 

Er wollte aus der Schmiede eine Kfz.-Werkstatt machen, er plante also zielgerichtet in die Zukunft, hatte sich wohl auf diesem Gebiet auch schon Kenntnisse angeeignet.

 

So kam es wohl auch, dass ich eine verbitterte Großmutter hatte, die dem Bild einer gutmütigen, liebevollen ‘Oma’ so gar nicht entsprach.

 

Friedas Bruder hatte jedenfalls das mit ihr gemeinsam: Auch er hängte sein Mäntelchen in den Wind. Es wurde erzählt, dass er, obwohl keiner Kirche (sondern der SS) angehörig, immer einen Rosenkranz bei sich hatte. Den hätte er, wenn er bei gläubigen Katholiken als Soldat einquartiert gewesen wäre, auf seinen Nachttisch gelegt. So hätte er sich bessere Behandlung und bessere Kost gesichert.

 

Großmutter arbeitete meist draußen auf den Feldern, in den Weinbergen und im großen Nutzgarten. Und wenn das im Winter nicht möglich war, sass sie übelgelaunt, Strümpfe strickend, im Haus, und Frieda bzw. später ich, mussten ihr die “fallen gelassenen” Maschen wieder “aufheben”, denn ihr Augenlicht wurde nach und nach immer schlechter. Müßiggang war ein Fremdwort für sie.

 

Was mich aber als Kind besonders faszinierte, war, dass sie noch altmodische Leinenunterhosen mit handgearbeiteten Spitzen trug. Eine praktische Angelegenheit! Für keinerlei Tätigkeiten des Unterkörpers musste man sich entkleiden!

 

Frieda machte dagegen die Hausarbeit und ging nur während der Erntezeit, wenn auf den Feldern jede Hand gebraucht wurde, mit auf’s Feld. Diese Arbeitsteilung ist auch durch einen Brief belegt, den ihr Bruder ihr aus Russland schickte; er wollte dafür sorgen, dass die beiden Frauen Hilfe durch einen Kriegsgefangenen erhielten.

 

Es musste ja auch ständig jemand zu Hause sein, da in der Gastwirtschaft immer einer nach dem Rechten schauen musste; obwohl da an Wochentagen tagsüber kaum mal etwas zu tun war; jedoch die Gaststätte während dieser Zeit zu schließen, das wäre niemandem in den Sinn gekommen. Das hätte ja ausgesehen, als ob wir es nicht mehr nötig gehabt hätten, zu arbeiten.

 

Diese Rollenverteilung bestand, wie gesagt, zumindest seit dem Krieg, als kein Mann mehr im Haus war. Es gab zwar später, wohl auf Betreiben des Bruders von Frieda, zeitweilig einen französischen Kriegsgefangenen, der in der Landwirtschaft mitarbeitete, aber der konnte ja auch nicht alleine alles machen; außerdem bedurfte dieser wohl auch der Beaufsichtigung (man konnte doch ‘so einen’ nicht alleine wirtschaften lassen).

 

Auch wir Kinder mussten zur Erntezeit mit aufs Feld, das war auf dem Land so üblich, oder ich betreute, als ich alt genug dafür war, während ich meine Schularbeiten machte, am Nachmittag die Gastwirtschaft.

 

Friedas Schwester, Herta, lernte ich erst kurz vor dem Tod der Großmutter 1970 kennen. Vorher bestanden mit ihr erhebliche Differenzen und auch danach war das Verhältnis zu ihr nicht herzlich.

 

Sie hatte sich 20jährig von einem Sobernheimer Geschäftsmann und Nazi, der sich wohl auch an jüdischem Eigentum bereichert hatte (was Frieda und ihre Mutter sicher nicht störte), schwängern lassen und heiratete ihn. Das alles ist auch in Briefen festgehalten. Eine ihrer Töchter hieß ursprünglich Ruth; da dies aber ein jüdischer Name war, erhielt sie dann später den Namen Hella. Sie zogen nach München, wo sie ein Haus in Schwabing erwarben (ob rechtmäßig oder ob das früher auch jüdisches Eigentum war, weiß ich nicht), jedenfalls wollten sie dort hin, wo sie näher am ‘Weltgeschehen’ waren.

 

Außer Ruth (Hella) gab es noch Waltraud, Ortwin und Sigrun.

 

Hella lernte nach dem Krieg einen Mann kennen, der ihren Eltern nicht zusagte; sie wollten mit allen Mitteln diese Verbindung verhindern. Hella und er wanderten daraufhin nach Canada aus. Ich lernte sie nie kennen. Nur die Mutter des Mannes, als mich Waltraud einmal mitnahm zu ihnen, als ich 1959 in München zu Besuch war.

 

Damals gab es ein Drama um Sigrun, gerade als ich zu Besuch bei Waltraud und ihrem Mann war. Neugierig? Gut, dann schweife ich noch ein bisschen ab.

Sigrun war verheiratet mit einem Handelsvertreter, sie hatten eine Tochter, Dagmar, geb. 17.09.1958. Sie war also im Sommer 1959 ca. 9 Monate alt. Sigrun war nicht glücklich in ihrer Ehe. Sie war eine junge Frau, wollte ab und zu auch mal ausgehen; aber ihr Mann, der beruflich die ganze Woche unterwegs war, wollte nur ein gemütliches Zuhause und eine liebevolle Frau (so sagte man). Sigrun war also unglücklich, sie wollte sich und ihre Tochter umbringen, drehte den Gashahn auf. Ihr Bruder Ortwin fand sie; sie überlebte, die Tochter war tot. Sigrun kam ins Krankenhaus, in U-Haft und wurde schließlich zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Später arbeitete sie in Frankfurt a.M. als Sekretärin. Ich habe sie einmal getroffen, als sie Frieda in Steinhardt besuchte. Sicher suchte sie nach diesen Geschehnissen familiäre Zuwendung. Doch da war sie bei Frieda an die Richtige geraten!

 

Diese Schwester von Frieda, Herta, hatte den immer noch als vermisst geltenden Bruder für tot erklären lassen, um an ihr Erbe heranzukommen. Die Auszahlung dieses Erbes brachte meine Eltern in erhebliche finanzielle Bedrängnis.

 

Im Familien-Stammbuch steht auch, dass ein Verwandter aus Berlin, Oberarzt bei der Reichs ... Anstalt Berlin sich und seine Familie (Frau und Säugling, geb. 8.1.45) beim Einrücken der Russen vergiftete. In diesem Fall waren die Eltern tot, das Kind überlebte und wurde dann von einer Tante aufgezogen. Obwohl ich selbst auch noch die Sütterlin-Schrift lernte, sind diese Eintragungen manchmal schlecht zu lesen, besonders wenn sie von Frieda stammen, die eine richtige “Sauklaue” hatte.

 

So erzählte später mein Bruder, dass es in den Hotels, in denen er arbeitete, hieß: “Das kann niemand lesen - dieser Brief muss für Gernot sein!”

 

Die Geschichte der Familie meines Vaters ist nicht aufgeschrieben. Aber: Es gibt auf den Familiennamen ein Wappen mit Halbmond und Stern. Dieses Wappen wurde von August dem Starken seinem Leibarzt verliehen.

 

Die Schmiede war nach dem Krieg lange Jahre verpachtet an einen Herrn H., der mit seiner Familie nach der Flucht (?) aus den Ostgebieten in Steinhardt gestrandet war.

 

Meine Familie bewirtschaftete noch die Landwirtschaft und die Gaststätte. Großmutter brachte meinem Vater alles Wissenswerte bei.

Natürlich mussten zu Erntezeiten alle mithelfen. Nur für die Weinlese wurden noch zusätzliche Arbeitskräfte als Tagelöhner eingestellt.

 

Dagegen wurde zum Dreschen eine auswärtige Lohn-Dreschmaschine angemietet, die dann nach und nach im ganzen Ort das Korn drosch. Bei dieser Arbeit half man sich gegenseitig.

 

Wir Kinder wuchsen also zwischen Schule, Landwirtschaft und Gaststätte auf. Wobei besonders die Gaststätte Gefahren mit sich brachte, derer sich niemand damals bewusst war, die gleichwohl insbesondere im Fall meines Bruders noch weitreichende Folgen hatten: Alkoholkonsum. Sowohl meine Eltern als auch Gäste der Gaststätte fanden es - sagen wir mal - normal und unterhaltsam, wenn wir Kinder schon mal Bier oder Wein, oder auch härtere Sachen zu trinken bekamen. Wie gefährlich das war, wollte niemand wissen oder wusste es vielleicht zum damaligen Zeitpunkt auch nicht.

 

Meist fand während der “5. Jahreszeit” eine Fastnachts-Veranstaltung statt; mal war es eine kleine “Kappensitzung”, die die Steinhardter mit Vorträgen gestalteten und anschließendem Tanz, mal nur eine Tanzveranstaltung oder ein Maskenball. Und wir Kinder immer mittendrin. Ich durfte schon von klein auf dabei mittanzen; als ich ganz klein war nahmen mich Leute auf den Arm, später dann lernte ich richtig tanzen. Frieda hatte das gleiche Schicksal wie viele Frauen und später ich: Im allgemeinen tanzen Frauen gerne, aber Männer sind meist leidenschaftliche Nichttänzer.

 

Zur Schule fuhren wir mit dem Bus, natürlich allein; kein Erwachsener hätte es sich einfallen lassen, seine Kinder zur Schule zu begleiten. Heutzutage wird um solche Dinge ein größerer Aufwand betrieben. Und wenn am Nachmittag kein Bus fuhr, liefen wir die 3 km nach Sobernheim und zurück zu Fuß bzw. ich blieb dann meist bei Schulfreundinnen.

 

Für “Privatleben” blieb wenig oder so gut wie keine Zeit. Wir Kinder, ich noch mehr als mein Bruder, hatten zu funktionieren. Für zwischenmenschliche Kontakte, liebevolle Zuwendungen usw. hatten unsere Eltern, und da besonders Frieda, keinen Sinn.

 

Oder ich möchte es einmal ganz drastisch ausdrücken: So wie eine Kuh oder ein Schwein oder eine Katze eine Aufgabe zu erfüllen hatte, und wenn sie der nicht mehr nachkommen konnte, “abgeschafft” wurde, so war es auch bei uns. Menschlichkeit war Frieda fremd.

 

In der Gaststätte wurde damals oft Skat gespielt. Auch Frieda und mein Vater spielten Skat (früher auch ihr Bruder), und wir Kinder wuchsen da hinein. Das mussten wir nicht extra lernen, das funktionierte nach dem Prinzip “Learning by Doing”, wie es heute heißt. Auch noch nach Aufgabe der Gaststätte kamen die alten Spieler aus Sobernheim wöchentlich bei uns zum Skatspiel zusammen - quasi als Freundschaftstreffen. Bis sich diese Zusammenkünfte dann “mangels Masse” von selbst erledigten.

 

 

 

 

 

 

 

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