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Mein Vater und der Jackett-Tausch

 

Wie so viele Männer tanzte auch mein Vater äußerst ungern - eigentlich. Aber wenn er in guter Stimmung war, dann konnte er sich doch dazu hinreißen lassen. Und ich habe schon schlechtere Tänzer erlebt.

 

Ich erinnere mich mit Wonne und Vergnügen an eine Kirmes in Sobernheim. “Johannis-Kirmes” heißt sie, findet also immer so um den 24. Juni statt. Herbert und Frieda sowie ein Arbeitskollege, mit dem er befreundet war, und dessen Frau, aus Bockenau hatten beschlossen, am Samstagabend gemeinsam hinzugehen. Mich nahmen sie auch mit.

 

Wie gesagt: Eigentlich waren die beiden Männer leidenschaftliche Nichttänzer, aber an diesem Abend war Herbert guter Stimmung. Nur: Tanzen kostete Geld. Mann musste vor dem Betreten der Tanzfläche bei einem Mitglied der Kapelle ein “Tanzbändchen” kaufen, ein Papierband mit Druckverschluss, das ins Knopfloch des Sakko-Revers geknöpft wurde. So wurde die Band bezahlt.

 

Und mein Vater beschloss, dass es für zwei Fast-Nichttänzer eine zu hohe Investition sei, wenn beide so ein Tanzbändchen kaufen würden. Also wurde entschieden, nur eines anzuschaffen und dann ganz einfach die Jacken zu tauschen.

 

Das Ganze hatte nur einen Haken: Herbert war klein und etwas korpulent, sein Freund erheblich größer und schlank.

 

Also stellt Euch die getauschten Jacketts an den beiden Herren vor: Herbert steckte in dem seines Freundes wie in einer zu prall gefüllten Wurstpelle, nur die Ärmel reichten ihm weit über seine Hände, während sein Freund zwar in dem von Herbert erheblich zu viel Platz hatte, dafür die Ärmel nur bis zur Hälfte der Unterarme reichten. Ich gehe davon aus, dass das Tanzbändchen an Herberts Jackett befestigt war, denn in dem seines Freundes hätte er nur unter großen Schwierigkeiten tanzen können.

 

Jedenfalls riss uns Alle den ganzen Abend lang der Anblick der beiden Herren zu wahren Lachsalven hin.

 

 

 

 

Der Bruder

 

Mein Bruder wurde am 20.12.1948 geboren. Passend zu meinem Vornamen bzw. wegen Friedas “arischem” Spleen (sie hätte es sicher weit von sich geworfen, wenn man ihr gesagt hätte, dass auch Inder Arier sind) wurde er Gernot genannt. Ich kann mich erstaunlicherweise an diesen Tag erinnern, obwohl ich noch nicht einmal vier Jahre alt war.

 

Es war kalt, Frieda putzte die Vordertreppe als ihre Fruchtblase platzte. Sie wurde in einem Auto, es war so ein kleiner Lieferwagen, ins Diakonissen-Krankenhaus in Sobernheim gefahren. Ich weiß jedoch nicht, ob dieses Auto einem Nachbarn gehörte, oder ob es zufällig vorbei kam.

 

Einmal durfte ich mit ins Krankenhaus. Wie das damals so war, musste Frieda im Bett liegen, denn - so sagte man mir - sie wäre vom Klapperstorch, der das Kind brachte, ins Bein gebissen worden. Wie unlogisch! Dieser legendäre Klapperstorch hätte das doch auch zuhause in Steinhardt tun können! Aber wie sollte das ein drei-, fast vierjähriges Kind damals merken und hinterfragen sollen.

 

Natürlich drehte sich im Prinzip ab sofort alles nur noch um den Sohn, jedenfalls bei Frieda. Viel aus dieser frühen Zeit ist mir natürlich nicht in Erinnerung geblieben.

 

Gernot lernte schnell und die erste “Machtprobe” kam bald: Gernot schrie in seinem Bettchen, Herbert hatte seine Arbeit in der Gaststätte beendet, nahm ihn mit sich in sein Bett. Ergebnis: Gernot schrie von Mal zu Mal früher. Bis meinem Vater der Geduldsfaden riss, er seinem Sohn einen Klaps verpasste ... und ab sofort war Ruhe.

 

Aber er wusste genau, wie er sich in ein gutes Licht setzen konnte, wie ich auch noch in meiner eigenen Geschichte berichten werde.

 

Für ein ganz besonderes Erlebnis sorgte er schon in seinem ersten Lebensjahr. Frieda nahm ihn und mich mit zu Verwandten nach Desloch, in der Nähe von Meisenheim. Damals (und heute immer noch) liegt dieser Ort am Arsch der Welt. Ich erinnere mich, dass ich dort öfters mal mit hin durfte. Oft auch mit meiner Großmutter, deren Ehemann von dort stammte. Aufgrund dessen waren wir wohl mit fast jeder Familie des Ortes verwandt, denn dort heiratete man wegen der abgeschiedenen Lage öfter untereinander. Wie dem auch sei, Frieda wollte wohl allen dort ihren Sohn präsentieren. Doch der machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

 

Wir wohnten immer bei den selben Verwandten, bei Tante Meta. Es war schon eine halbe Weltreise, dort hin zu kommen. Im Sommer mit Großmutter fuhren wir mit dem Zug von Sobernheim nach Meisenheim und gingen dann zu Fuß “über die Leiterchen” nach Desloch. Es gab auch eine langwierigere Busverbindung, die direkt in den Ort führte, und die wir an diesem Tag nahmen.

 

In Desloch gab es zum damaligen Zeitpunkt (und noch lange danach) noch keine Wasserleitung. Meine Verwandten hatten zum Glück einen Brunnen im Flur, viele andere mussten sich das Wasser von draußen holen, Sommers wie Winters.

 

Jedenfalls wurde es Abend, mein Bruder war schon auf dem Schoß von Frieda eingeschlafen, und wurde im ersten Stock in “unserem” Schlafzimmer ins Bett gelegt. Und dann schrie er - und schrie - und schrie. Also wurde er wieder aufgenommen, Frieda wiegte ihn in ihren Armen in den Schlaf, legte ihn oben zu Bett ... und er schrie. So verbrachten wir die Nacht. Und am nächsten Tag fuhren wir wieder nach Steinhardt zurück.

 

Warum ER nicht zum Gymnasium ging, sondern nur ich, das weiß ich nicht. Ob er zu dumm dazu war? Oder ob dafür das Geld nicht reichte? Aber in dem Fall hätten sie ja mich wieder zur “Volksschule” schicken können. Wie dem auch sei: Ich könnte darüber nur spekulieren - ich weiß es nicht.

 

Jedenfalls beschloss mein Bruder an meiner Konfirmation, als er den Koch bei seiner Arbeit beobachtete, und ihm auch helfen durfte: Er wollte Koch werden, diese Arbeit gefiel ihm. Und das wurde er dann auch.

 

Als er 12 Jahre alt war, hatte er mit dem Fahrrad, das vorher meines war, einen schweren Unfall auf dem Weg nach Sobernheim. Und wer war daran schuld? ICH natürlich, wie Frieda befand. Denn: Ich hätte für ihn eine neue Zeitkarte für den Bus kaufen sollen und hatte es vergessen. Also musste er mit dem Fahrrad fahren. Und auf dem steilen und kurvenreichen Stück direkt nach dem Dorf kam ihm ein Auto entgegen. Ob nun Gernot zu leichtsinnig gefahren war, oder ob der Autofahrer die Kurve geschnitten hatte, ist ja nun egal. Jedenfalls musste mein Bruder ins Krankenhaus. Er hatte eine Gehirnerschütterung und diverse, teils tiefe Wunden. Es gab eine gerichtliche Auseinandersetzung, bei der dieser Autofahrer für schuldig befunden wurde. Und Gernot bekam eine ordentliche monetäre Entschädigung. Die wurde von Gernot und unserem Vater wenigstens teilweise in die Märklin-Eisenbahn investiert. Männer!

 

Seltsam an der ganzen Geschichte ist nur, dass das Fahrrad für mich gekauft wurde, um bequemer nach Sobernheim zu gelangen. Keiner hatte da einen Gedanken daran verschwendet, dass das gefährlich sein könnte.

 

Er beendete die Volksschule regulär nach der 8. Klasse und meine Eltern ermöglichten es ihm, die Hotelfachschule in Bad Kreuznach zu besuchen. Ab diesem Zeitpunkt war er im Prinzip der elterlichen Aufsicht entzogen. Nach Abschluss der Hotelfachschule bekam er eine Lehrstelle im Hotel “Kurhaus” in Bad Kreuznach.

 

Anschließend arbeitete er zuerst, glaube ich, in einem Hotel am Bodensee, danach meist in der Schweiz. Einige Jahre war es so, dass er im Winter in Arosa beschäftigt war (wo mein zweiter Mann und ich ihn einmal besuchten), und im Sommer bei der gleichen Hotelkette auf Sylt. Zwischen diesen Saison-Jobs war er meist bei Frieda in Steinhardt und wurde von ihr “auf Händen getragen”. Auch für die anderen Steinhardter war es natürlich jedesmal ein Ereignis, wenn er mal wieder da war.

 

Irgendwann klärte mich Gernot über den Inhalt des Testamentes der Eltern auf: Er bekam alles, ich nur meinen Pflichtteil. Aber damit hatte ich schon fast gerechnet. Er meinte, es wäre ein Fehler von mir gewesen, so lange zuhause bzw. in der Nähe zu sein; denn nur so hätten die Eltern auch meine Sünden mit bekommen, wogegen er in der Ferne doch hätte tun und lassen können, was er wollte. Nur bedachte bzw. wusste er nicht, dass Frieda mich gar nicht hätte gehen lassen.

 

Zu seinen “Sünden” gehörte auch, dass er meinen zweiten Mann und mich um ein Darlehen bat, als eine Freundin von ihm schwanger wurde und abtreiben wollte/ sollte. Solche Dinge bekamen unsere Eltern natürlich nicht mit, und er hütete sich auch, sie bzw. später dann Frieda damit zu konfrontieren. Aber auch wenn Frieda es gewusst hätte, wäre ich damit sicher nicht in ihrer Gunst gestiegen oder Gernot “degradiert” worden. Denn “Männer sind eben so” und das “Aufpassen” war Sache der Frauen, wenn sie denn schon außerehelichen Verkehr haben wollten; sie war so richtig scheinheilig.

 

So war Gernot auch am Tag von Herberts Tod gerade auf dem Weg von Arosa nach Steinhardt und nicht zu erreichen. Damals war Mobiltelefonie ja noch völlig unbekannt. Als er ankam musste ich ihm sagen, dass unser Vater verstorben war. Wir tranken an diesem Abend recht viel.

 

So wie Gernot überhaupt sehr viel trank. Allerdings sagte mir einmal ein Hausarzt, dass Alkoholmissbrauch schon fast eine Berufskrankheit bei Köchen ist.

 

Am nächsten Abend wurde im Fernsehen ein Fußballspiel übertragen, das sich sicher auch unser Vater nicht hätte entgehen lassen. Deshalb schauten wir es uns an. Denn eigentlich war mir nach den vielen Formalitäten und Besuchen von Freunden und Nachbarn sowie den Vorbereitungen für die Trauerfeier im Krematorium in Mainz nicht danach. Und da brach Gernot zusammen. Das war zu viel für ihn - der Gedanke, dass normalerweise er und Herbert gemeinsam sich das angeschaut hätten.

 

Natürlich nutzte mein Bruder auch schon mal diese arbeitsfreie Zeit um z. B. Friedas Haus neu zu streichen oder das Bad neu zu fliesen u. ä. Nur: Beim Anstreichen des Hauses beispielsweise half ihm mein zweiter Mann, der sich dafür Urlaub nahm. Aber wenn Frieda später des öfteren davon erzählte, immer in der Form, dass “Gernot das Haus in seiner Urlaubszeit gestrichen hat”; mein Mann wurde von ihr stillschweigend unter den Tisch fallen lassen; genauso, wie sie das mit mir getan hätte.

 

Gernot durfte selbstverständlich auch immer seine diversen Freundinnen mitbringen, an mindestens drei oder vier erinnere ich mich. Bis er dann die nach seiner Meinung Richtige fand, als er schon fast 30 war: Eine junge Schweizerin, eine Kollegin, von der er behauptete, dass er sich die nach seinen eigenen Vorstellungen zurechtbiegen könnte.

 

Ein großer Irrtum, wie sich herausstellte. Das konnten mein zweiter Mann und ich besonders gut später einmal bei einem Besuch der Beiden in der Schweiz, im Berner Oberland, in einem kleinen Ort oberhalb des Thuner Sees beobachten. Seine junge Frau hatte ihn voll im Griff, und er ... Davon später mehr.

 

Zuerst die “Verlobung”: in Davos die erste, bei Susannes Eltern in der Schweiz die zweite und zum Schluss in Steinhardt die dritte.

 

Dann die Hochzeit. In Davos, wo die Beiden zu der Zeit arbeiteten, zum Ende der Sommersaison. Das Hotel hatte gerade noch geöffnet. Wir Hochzeitsgäste waren fast die einzigen Gäste dort.

 

Kein Polterabend! Gernot erklärte uns, dass beim “Polterabend-Abendessen" wir nicht eingeplant wären, sondern nur er und Susanne und die jeweiligen Eltern bzw. in seinem Fall eben nur Frieda.

 

Am nächsten Tag also die Hochzeit:

Kirchliche Trauung in einer kleinen Kapelle in der Nähe von Davos, wo wir alle mit Bussen hingebracht wurden. Beim Verlassen der Kirche diverse “Spielchen” für das Brautpaar.

Zur allgemeinen Überraschung hatten sich einige uneingeladene Steinhardter eingefunden, die auf eigene Faust in die Schweiz gefahren waren, um an dem “Jahrhundert-Ereignis” teilzunehmen.

 

Danach Fahrt in ein Bergdorf zu Kaffee und Kuchen und anderen Dingen. Herz was begehrst du!, zu dem auch die Steinhardter mitfahren durfte.

Dann wieder zurück nach Davos. Abendessen und Ringelpietz in einer Kneipe. Wir feierten bis 6 Uhr früh.

 

Frieda blieb noch in der Schweiz, wir mussten zurück zur Arbeit bzw. zur Schule.

 

Irgendwann besuchten wir Gernot und Susanne in Sigriswil, wo sie beide im gleichen Hotel arbeiteten.

 

Im Gegensatz zu Gernots Vorhaben, sich seine Frau nach seinem Willen formen zu können, war das Gegenteil eingetreten. Er versuchte, sich betont jugendlich zu geben, was uns irgendwie reichlich lächerlich vorkam, und er tanzte nach ihrer Pfeife; nur das Trinken hatte er nicht aufgegeben.

 

Er hatte nach eigenem Bekunden einen festen Grundsatz: Er wollte nie ein eigenes Restaurant! Er wollte gut und kreativ kochen, sich jedoch nicht um finanzielle Dinge kümmern müssen. Er war der Ansicht, dass er, genau wie unser Vater, kein Händchen fürs Wirtschaftliche habe. Aber auch diesen Grundsatz änderte Susanne. Irgendwann hatte sie ihn wohl so weit, dass er zustimmte - und sie eröffneten ein eigenes Restaurant in der Schweiz.

 

Das war dann wohl der Anfang vom Ende. Er, der immer schon viel getrunken hatte, verkraftete diese Herausforderung nicht. An seinem 50. Geburtstag trank er zum letzten Mal zuviel - mit der Folge eines Risses in der Speiseröhre und eines qualvollen Todes.

 

 

 

 

 

 

 

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