Seite 7

Seite 7

Männe, der Hund

 

Irgendwann brachte mein Vater einen kleinen Hund mit nach Hause, der “Männe” (was für ein blöder Name!) genannt wurde. Er war wohl ausgesetzt worden. Auch das gab es schon in den 50er Jahren. Es war wohl Frieda und Oma Bienchen nicht so ganz recht, aber er durfte bleiben; zum Entzücken von uns Kindern - und von Männe.

 

Wir durften alles mit ihm anstellen. Wir zogen ihm Strickjäckchen und Trachtenhütchen an; wir schnallten ihm eine Wolldecke um, wenn wir mit einem alten Tornister “auf große Wanderschaft” gingen. Und wir konnten uns darauf verlassen, dass er am Mittag, wenn wir aus der Schule nach Hause kamen, erst am Fenster, dann an der Tür auf uns wartete, und sich nach Hundemanier schier zerriss, wenn wir herein kamen.

 

Am Sonntag, wenn wir nicht zur Schule gingen, konnten wir uns auch darauf verlassen, dass Männe an unserer Schlafzimmertür kratzte und, wenn wir ihm nicht gleich öffneten, sich mit seinem ganzen kleinen Körper gegen die Tür warf - und dann wie ein Blitz in einem der Betten unter der Bettdecke verschwand. Und natürlich stritten mein Bruder und ich darüber, in wessen Bett er zuerst durfte.

 

Nur vor Besen, Staubsaugern und ähnlichen Gegenständen hatte er Angst; wenn er die sah, verkroch er sich irgendwo.

 

Aber mit den Katzen vertrug er sich hervorragend! Es gab ein Foto, wo er mit dem großen Kater Peter auf dem Treppenabsatz hinten zum Hof sass und sie sich gemeinsam sonnten. Am meisten Freude machte er dem Kater, wenn er ihm mit seiner rauhen Zunge die Kehle ableckte, wo er selbst ja nicht ran kam. Und wenn Männe dann aufhören wollte und sich abwandte, ging Peter um ihn herum, stellte sich wieder vor ihn und reckte ihm auffordernd seine Kehle entgegen - und Männe machte weiter.

 

Leider lief er dann viele Jahre später in einem Winter auf die Straße hinaus, ein Lkw kam, ... So wurde mir erzählt, als ich von der Arbeit nach Hause kam. Gesehen habe ich ihn nicht mehr.

 

Er ist sicher im Hundehimmel.

 

 

 

 

1945 - 1950

 

Es war wohl für Frieda, die zwei Jahre zuvor eine männliche Fehlgeburt erlitten hatte, eine arge Enttäuschung, dass ich nur ein Mädchen war. Denn Männer waren für sie die Krone der Schöpfung. Und es war überaus wichtig für sie, einen Sohn zu gebären. Das zeigte auch ihre Reaktion, als ich meinen Sohn zur Welt gebracht hatte. Sie sagte damals, dass ich jetzt alles erreicht hätte was eine Frau zu erreichen imstande wäre. Nun könne (an Kindern meinte sie wohl) kommen, was wolle. Aber niemand könne mir diesen Erfolg, einen Sohn zur Welt gebracht zu haben, je wieder streitig machen.

 

Sie war wohl etwas unaufgeklärt, und es war noch nicht bis zu ihr bzw. bis nach Steinhardt vorgedrungen, dass die Männer für das Geschlecht eines Kindes verantwortlich sind.

 

Sie hatte diese Frühgeburt, weil einige Zeit vor dem eigentlichen Geburtstermin des Nachts ein im Haus einquartierter Genesender der Wehrmacht in ihr Zimmer kam, sie anfasste, und durch den Schreck ...

Damals wurde der alte Dr. N. aus Waldböckelheim gerufen, der zum einen erklärte: “Man kann einen Soldaten, der in Stalingrad war, nicht für seine Taten verantwortlich machen.” Und ihr zum anderen riet: “Bleiben sie so lange im Bett, bis ich wieder komme.” Aber er kam nie mehr wieder.

 

Ich kam am 25. März 1945, kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner, zur Welt. Es herrschte Ausgangssperre; zum Glück war eine der vielen Verwandten, die aus der unsicheren Stadt in das sicherere Steinhardt gekommen waren, Hebamme.

 

Meine ersten Lebensjahre verliefen wohl recht normal - bis zur Geburt ihres Sohnes, meines Bruders. Von da an war immer nur er die Hauptperson und ich eben nur ein zweitrangiges Mädchen.

 

Ich weiß nicht genau, welches Jahr es war, als ich kurz vor Weihnachten für eine Aufregung der besonderen Art sorgte; ich weiß nur, dass sich damals im unteren Geschoss ein privates Wohnzimmer befand, da wo später das elterliche Schlafzimmer war. An das Vorhandensein eines Babys bzw. eines Brüderchens denke ich in diesem Zusammenhang aber nicht. Jedenfalls hatte ich durch das Schlüsselloch geschaut - und einen “Stubenwagen” erblickt; und ich soll deshalb einen so fürchterlichen Schrei ausgestoßen haben, dass mein Vater, der im Hof tätig war - ich glaube, dass er Holz hackte, meinte, mir wäre etwas passiert. An Heiligabend dann hatte ich für mein anderes großes Geschenk, ein Dreirad, das meine Eltern unter dem Schreibtisch versteckt hatten, überhaupt keine Augen. Ich musste erst darauf aufmerksam gemacht werden.

 

Im Haus der Nachbarn M. wohnte eine alte Dame. Ich glaube, dass Frieda mich zu ihr mit nahm. Manchmal brachte ich ihr Obst oder Gemüse aus unserem Garten, gelegentlich kaufte ich auch für sie ein; dafür schenkte sie mir dann 10 Pfennige oder so. Gertrud, die Tochter der Familie M., ein Jahr älter als ich, beschuldigte mich irgendwann, das nur wegen des Geldes zu tun; danach ging ich nicht mehr zu dieser Dame; so etwas ließ ich mir nicht unterstellen.

 

Als ich 4 Jahre alt war, wurde ich das erste Mal mitgenommen nach Trier, wo die Schwester meiner Großmutter, Elise, mittlerweile verwitwet, wohnte. Sie hatte infolge Mangelernährung in der Kindheit einen rachitischen Buckel, war mit einem Vetter verheiratet worden. Die Fahrt mit Eisenbahn und Bus dorthin war ein richtiges Abenteuer. Hinzu kam, dass mein Magen als Kind das Autofahren allgemein nur schwer ertrug. In dem übervollen Bus war das besonders schlimm; ich musste mich immer wieder übergeben. Eine mitreisende Ordensschwester kümmerte sich um mich.

Für die Rückfahrt hatte Frieda einen kleinen Topf gekauft ... für den Fall der Fälle. Aber der Busfahrer - derselbe wie auf der Hinfahrt - setzte uns ganz vorne hin, so dass ich durch die Frontscheibe schauen konnte, und alles ging gut.

 

Später, ich mag 6 oder 7 Jahre alt gewesen sein, wurde ich fast ganz alleine in den Sommerferien nach Trier geschickt. Ein Verwandter, Onkel Fritz Groth aus Bad Kreuznach, Drogist, Handelsvertreter bei Esüdro, nahm mich bei einer seiner Geschäftstouren mit dort hin. Ich blieb ein paar Wochen bei den Verwandten, und dann nahm er mich wieder mit zurück.

 

Eine meiner besten “Freundinnen” in Steinhardt war Hanna Klippel. Ich besuchte sie sehr oft. Als ich 5 Jahre alt war, heiratete sie einen Landwirt in Gutenberg. Ich und ein anderes Kind aus Steinhardt wurden auserkoren, ihren langen Brautschleier zu “tragen”. Wir waren also quasi ihre Schleppenträgerinnen. Die örtliche Schneiderin fertigte für uns Beide gleiche Kleider, wir bekamen eine Frisur mit “Schillerlocken” und Halbschuhe mit geknöpften Spangen. Wir beide verbrachten den ganzen Tag mit dem Brautpaar, waren auch mit beim Fotografen.

 

Ich durfte sie noch zweimal, so erinnere ich mich, für einige Tage besuchen. Das hörte auf, nachdem sie zwei Kinder geboren hatte. Dann wurde sie schwer krank - Lymphdrüsenkrebs - und verstarb.

 

Meine beste Vor-Schul-Freundin war Karin B. Sie kam mit ihren Großeltern, ihrer verwitweten Mutter und ihrer Tante, die Lehrerin war, in unsere Gaststätte. Ihre Mutter und die Tante rauchten!, damals eine absolute Ausnahme, jedenfalls bei uns auf dem Land.

Die Tante gab Musikunterricht (bei ihr lernte ich Blockflöte) und Turnunterricht; so kam ich in den Sobernheimer Turnverein, dem ich bis zu meinem 15. Lebensjahr angehörte. Bis dahin konnte ich am Nachmittag zum Turnen gehen, unterrichtete später auch zusammen mit meiner Freundin Inge M. die ganz Kleinen. Danach aber hätte ich zu den “Erwachsenen” wechseln und am Abend zum Training müssen. Aber da gab es keine Busverbindung mehr. So fiel das Turnen dem schlechten ÖPNV zum Opfer.

Ich erinnere mich an wunderschöne, stimmungsvolle Winternachmittage, an denen wir Flötenspielerinnen uns bei dieser Lehrerin zu Hause trafen, und gemeinsam mit unterschiedlichen Flöten mit ihrer Klavierbegleitung spielten. Leider gab es solche Nachmittage nur äußerst selten.

 

Ich erinnere mich auch, dass wir manchmal für den Turnverein oder auch um irgendwo ein Flötenkonzert zu geben, an Sonntagen weite, richtig weite Fußmärsche auf uns nahmen. Einmal, im Sommer, es war sehr heiß, ich die Kleinste (daher hatte ich auch meinen Spitznamen: Gutsje, was im Sobernheimer Dialekt soviel bedeutet wie kleines Bonbon), und ich konnte einfach nicht mehr mithalten, hielt unsere Lehrerin einen Mopedfahrer an, damit der mich mitnahm zu unserem Auftrittsort.

 

Es gab auch eine Fahrt? Wanderung? in einen Ort, in dem wir Verwandte hatten. Wir Turnerinnen waren eingeladen, bei Familien des Ortes zu Mittag zu essen. Ich natürlich bei unseren Verwandten. Leider! Das Essen schmeckte mir ganz und gar nicht. Zum Glück hatte ich ja “Benimm-Unterricht” von Frieda erhalten und lud mir nicht viel auf meinen Teller. Bei Frieda schmeckte es besser! Gut Kochen liegt wohl in unserer Familie.

 

Ich holte bei Turnfesten oftmals Preise für mich und den Verein.

 

Eine willkommene Abwechslung für uns Kinder waren die US-amerikanischen Soldaten, die immer mal in unserer Gaststätte einkehrten. Sie gaben uns meist etwas von ihren Notrationen ab - große Konservendosen, die wahre Schätze für uns enthielten: kleinere Dosen mit Fertiggerichten, Schokolade, Kekse.

 

Von einem der Soldaten erhielt ich die erste Banane meines Lebens - und wollte sie gar nicht essen, nach dem Motto “Was der Bauer nicht kennt, ...” Aber die Drohung von Frieda: “Wenn Du sie nicht willst, dann bekommt sie Gernot”, half mir beim Essen.

 

 

 

 

 

 

 

 

zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

 

 

 

Copyright © All Rights Reserved