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Ein unbekanntes Gericht

 

Wie schon berichtet, blieb ich des öfteren über Mittag in Sobernheim, meist bei Schulfreundinnen. Warum das in diesem Fall nicht so war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls blieb ich diesmal bei einem der Volksschullehrer, einem Schulfreund von Frieda, und seiner Frau. Und dort gab es etwas zu essen, das mir vollkommen unbekannt war. Aber es schmeckte mir.

 

Als ich dann am Abend wieder zu Hause in Steinhardt war und gefragt wurde, was es denn zum Mittagessen gegeben hatte, antwortete ich:

 

“Ich weiß nicht was es war, aber es sah aus wie ein Schnitzel, nur schmeckte es süß.”

 

Wisst Ihr, was es war? Klar doch!

 

Das Gericht ist unter verschiedenen Namen bekannt: Ich kenne “Arme Ritter” und “Karthäuserklöße”. Wikipedia weiß noch eine ganze Menge mehr Bezeichnungen dafür.

 

 

 

 

1951 - 1959

 

Da meine Eltern keiner Kirche angehörten, es in Sobernheim aber nur kirchliche Grundschulen gab, wurde ich nach Ostern 1951 in die evangelische Grundschule, damals hieß das noch Volksschule, eingeschult. Jedoch ging meine Freundin Karin zur katholischen Volksschule, was unserer Beziehung leider nach und nach ein Ende setzte, zumal wohl auch ihre Mutter, die Lehrerin, an einen anderen Ort versetzt wurde.

 

Meine erste Schullehrerin war Fräulein Geletnecky, die immer nur die Erstklässler unterrichtete. Sie war 1900 geboren. Ich besuchte sie viele Jahre später, 1991, in ihrem Haus in Bad Sobernheim. Sie erzählte mir, dass damals Lehrerinnen “Fräulein”, also unverheiratet, sein mussten; sie hätte aber eine langjährige Beziehung zu einem ihrer Kollegen unterhalten, was natürlich mit einigen Schwierigkeiten verbunden war. Wäre die Beziehung entdeckt worden, hätte sie ihren Beruf aufgeben müssen. Und Fräulein Geletnecky war eine tolle Lehrerin!

 

Damals ging ich gerne zur Schule, und ich hatte bald viele Schulfreundinnen, bei denen ich oft nach dem Unterricht auch die Schularbeiten erledigte. Denn da ich nachmittags noch zum Blockflöten-Unterricht ging und später auch Klavierunterricht hatte, außerdem im Turnverein turnte, wäre es zu umständlich gewesen, nach der Schule heimzufahren und dann wieder nach Sobernheim zurück zu fahren oder zu laufen. Die Busverbindungen waren nicht sehr komfortabel.

 

Doch manchmal konnte ich - wie wohl alle Kinder - auch ein kleines Biest sein. Neben mir in der Schulbank sass lange Zeit Karin L., und Karin konnte sich nicht merken, wie “Schokolade” geschrieben wird. Jedes Mal wenn das Wort in einem Diktat vorkam, fragte sie mich - und jedes Mal sagte ich es ihr falsch: “mit ck”. Nicht, dass ich Karin nicht gemocht hätte; auch bei ihr verbrachte ich viele Nachmittage; aber ich konnte wohl nicht verstehen, wie jemand so ein simples Wort nicht schreiben kann.

 

Meistens verbrachte ich jedoch die Nachmittage bei Waltraud. Ihre Eltern hatten ein Schuhgeschäft, sie hatte noch zwei ältere Schwestern. Nachdem wir die Hausaufgaben gemacht hatten, spielten wir meist im Hof, wo auch eine große Schaukel hing. Es gab da später mal einen bösen Unfall, von dem wir aber niemandem erzählten:

Wir sprangen von einem Tisch nach dem schwingenden Trapez - und ich verfehlte es und stürzte mit dem Rücken auf den Kopfsteinpflaster-Boden. Ich konnte nicht mehr Luft holen, nicht mehr atmen. Ich glaubte, mein letztes Stündchen hätte geschlagen. Waltraud brachte mich ins Haus, niemand sonst war da. Zum Glück ging es mir nach einiger Zeit besser und der Unfall hatte keine weiteren Folgen.

 

Bei Waltraud machte ich auch meine Strafarbeit dafür, dass ich nicht aufgepasst hatte als “weiß” und “weis” durchgenommen wurde. Aber nach 100 (oder so)-maligem Schreiben hatte ich es fürs Leben gelernt.

 

Bei all diesen fremden Familien fühlte ich mich wohler als zu Hause. Denn da war mein kleiner Bruder Gernot tonangebend; er hatte ganz schnell den Bogen raus, wie er sich in ein gutes und mich in ein schlechtes Licht setzen konnte. Wenn ihm etwas nicht passte, warf er sich zu Boden und fing fürchterlich an zu schreien, so als hätte ich ihm etwas getan. Worauf natürlich sofort Frieda herbeistürzte, nicht ein einziges Mal fragte, was los sei, sondern mich sofort verprügelte, weil ich ja ihrer Meinung nach ihrem Ein-und-Alles etwas zuleide getan hatte.

 

Ich war daher immer froh, wenn dann in späteren Jahren, als Fremdenzimmer eingerichtet worden waren, viele Jahre lang im Sommer zwei Familien aus dem Ruhrgebiet mit ihren Kindern ihre Ferien bei uns verbrachten. Die traten in solchen Situationen für mich ein, so dass diese Zeiten die einzige Ausnahme in dieser fast alltäglichen Prozedur darstellten.

 

Aber es brachte meine Mutter nicht dazu, ihr übliches Tun zu hinterfragen; das hätte ja auch ein Hinterfragen ihrer eigenen Weltanschauung bedeutet.

 

Heute sehe ich es als logische Folgerung an, dass ich Frieda nicht an mich heran ließ, wenn ich kleinere Verletzungen erlitten hatte. Da wartete ich lieber bis mein Vater zu Hause war - er durfte mich dann verarzten. Oder in “Notfällen” musste Ilse, die Nachbarin, geholt werden.

 

Aber trotzdem sollte ich eine “höhere Tochter” werden. Vielleicht wollte sie ja damit eigene frühere Wünsche verwirklicht sehen? Daher also der Klavierunterricht und die gute Schulbildung (ich ging ab der 5. Klasse zum Gymnasium), die aber auch mein Vater unbedingt befürwortete. Er machte keinen Unterschied zwischen Tochter und Sohn!

 

Aber wenn ich bedenke, wie es einem Schulkameraden erging, der so gerne Mädchen-Kleidung trug, und der deswegen von seiner Mutter quasi eingesperrt wurde und die ihm jedweden Kontakt mit der Außenwelt verbot, auch noch in den 1990er Jahren, dann ging es mir doch noch vergleichsweise gut. Ob er transsexuell war oder ob er sich einfach nur in Mädchen- bzw. Frauenkleidung wohler fühlte, entzieht sich meiner Kenntnis. Eben weil die Mutter keinen Kontakt zuließ.

 

Aber ich bin Frieda dankbar dafür, dass ich früh gute Tischmanieren lernte.

Denn wenn ich heute meine Enkel sehe, denen noch nicht mal der Gebrauch von Servietten bekannt ist, da es so einen “Schnickschnack” bei meiner Schwiegertochter nicht gibt, dann weiß ich, dass diese damit einmal Anstoß erregen werden.

 

Die Freude am Klavierunterricht wurde mir gleich in der ersten Stunde von meinem Lehrer, Herrn “Bundeschormeister” Rudolf Desch, gründlich verdorben. Er erklärte mir 6jährigem Mädchen gleich, dass meine Fingernägel zum Klavierspielen zu lang wären - und schnitt sie mir höchstpersönlich sofort ab - bis zum Nagelbett. Ich fühlte mich entsetzlich gedemütigt.

 

Trotzdem ging ich Woche für Woche hin, - das viele Jahre lang. Ich hätte nie gewagt, Frieda zu widersprechen. Geübt habe ich natürlich nur auf tägliches Drängen hin. Erst viele Jahre später, als ich nicht mehr zu diesem schrecklichen autoritären Mann hin musste, fand ich etwas Gefallen am Klavier spielen. Aber über Musik habe ich all die Jahre nicht viel gelernt, das Ganze ähnelte eher dem Dressieren eines Äffchens.

 

Ich war damals noch so klein, dass nur mehrere Kissen auf dem Klavierhocker mich die Tastatur erreichen ließen; so war natürlich ausgeschlossen, dass ich mit den Füßen die Pedale erreichte, und das Bedienen derselben wurde mir auch später nie beigebracht.

 

Aber die größte Qual war für mich das jährlich stattfindende Weihnachtskonzert der Klavierschüler. Ich wusste, dass Frieda kein Versagen akzeptieren würde. Ich war immer schrecklich aufgeregt und zitterte am ganzen Körper. Und meine extreme Auftritts- bzw. Versagensangst ist mir lange Zeit geblieben, bis ich sie vor ein paar Jahren mit Hilfe einer Hypnosetherapeutin etwas ablegen konnte.

 

Von einigen Leuten im Ort wurde ich immer wieder gefragt, ob ich schon den “Donau-Walzer” spielen könne. Denn dann könnte ich doch zusammen mit dem Gesangverein auftreten. Seitdem sind mir Strauß-Walzer verhasst. Ich würde NIIIEEE einen spielen oder einen mitspielen!

 

Auch beim jährlichen Vorspielen in der Musikklasse des Gymnasiums war meine Aufregung sehr groß. Dabei kam es auch zu meinem größten Misserfolg: Wir “Pianisten” hatten uns vorher nie abgesprochen über unsere Vorträge. Ein großer Fehler! So kam es, dass die Mitschülerin, die vor mir spielte, genau das Stück vortrug, das auch ich geübt hatte. Und ich ließ mich dazu hinreißen, ein anderes Stück zu spielen, eines, auf das ich natürlich nicht vorbereitet war. Es war schlichtweg miserabel, indiskutabel, peinlich!

 

Die einzigen Kinderkrankheiten, die ich hatte, waren Mumps und Masern; die hatte ich im Winter 1953 oder 1954. Auf jeden Fall war das obere Stockwerk schon ausgebaut, denn ich wurde mit meiner ansteckenden Krankheit ins hinterste Zimmer verbannt. Trotzdem erwischte es meinen Bruder gleich anschließend; aber ER durfte seine Krankheit in der Küche auf einem Sofa auskurieren. Wohingegen ich dann auch während seiner Masern noch zu Hause bleiben durfte / musste; und das bei herrlichstem Winterwetter mit viel Schnee. Und das nutzte ich natürlich weidlich aus.

 

Nur etwas war mir verwehrt, was ich von Herzen gerne getan hätte: Ballett tanzen. Das machte Brunhilde, ein Mädchen aus Sobernheim, das gegenüber vom “Hüttenberger Hof” wohnte; ich traf sie immer mal im Bus. Dafür hätte ich zum einen mit dem Bus nach Bad Kreuznach fahren müssen, und zum anderen war Ballett für Friedas Geschmack dann doch etwas zu viel der Kunst. Das stand auf einer Stufe mit Schauspielerei, die für sie gleichzusetzen war mit Prostitution; eine ausschweifende Phantasie kann man ihr nicht absprechen.

 

Seltsamerweise benannten sich die Klassen im Gymnasium in rückwärts zählender Reihenfolge. Erst kam also die “Sexta”, in Wirklichkeit die 5. Klasse, ab der als erste Fremdsprache Französisch gelehrt wurde; dann kam zwei Jahre später, ab der “Quarta” Latein dazu, und zum Schluss erst, ab der Ober-Tertia (die Klassen ab der Tertia waren in Unter- und Ober- geteilt) Englisch. Die obere der beiden “Sekundas” und die “Primas” dann waren mir ja sowieso verwehrt.

 

Viele Schüler standen bald in Briefkontakt mit französischen Kindern. Meine Briefpartnerin war Yolande, sie kam aus Revin in den Ardennen. Später besuchte sie mich einmal.

 

Gute Schulnoten waren natürlich ein Muss, vor allem als ich dann ab 1955 von der Volksschule zum Gymnasium gewechselt war, denn für’s Gymnasium musste man damals noch Schulgeld bezahlen, 15 DM monatlich!. Ich stand also immer unter Erfolgsdruck, war immer voller Angst, sei es wegen der Schule, wegen des Klavierspiels oder der Unberechenbarkeit meines Bruders.

 

Ich weiß noch, dass ich mich mal nach einem Zeugnis mit einer Drei = Befriedigend kaum nach Hause traute, da ich wusste, dass Frieda mir Vorhaltungen darüber machen würde, was für mich alles getan und wie wenig ich es danken würde.

 

In den folgenden Jahren war es so, dass ich oft am Nachmittag alleine zu Hause war und die Gastwirtschaft hüten musste, während ich meine Hausaufgaben erledigte. Hilfe dabei hatte ich nie, meine Eltern hatten selbst ja nur Grundschulen besucht und so fehlte ihnen einerseits das Wissen, andererseits aber auch die Zeit dazu. Wenn sie am Abend heimkamen, sich gewaschen und zu Abend gegessen hatten, dann ging der Betrieb in der Gastwirtschaft los.

 

Natürlich mussten wir Kinder auch auf dem Feld mithelfen, besonders während der Erntezeit. Ich erinnere ich mich gut an eine Begebenheit während der Kartoffelernte:

Die Erwachsenen arbeiteten schon auf dem Feld; ein Nachbar spannte uns beiden Kindern, als wir von der Schule wieder zuhause waren, die Kühe an, führte unser Gespann über die Hauptstraße bis zur Abzweigung in die Gemarkung, und danach waren wir uns selbst überlassen; den Weg zum Feld kannten wir ja. Alles ging erst mal gut, bis zu einem großen Wasser-Schlamm-See mitten auf dem Weg: Die Kühe bogen ab, wir Kinder konnten sie nicht durch den See lenken, sie waren stärker als wir. Wir hatten Höllenängste, unsere Kühe könnten uns “entführen”. Sie bogen also ab in einen Seitenweg, von da auf ein Feld neben dem Hauptweg - und hinter dem See benutzten sie wieder den Hauptweg. Da sage noch mal einer, Kühe hätten keinen Verstand. Sie wollten sich nur keine nassen und schmutzigen Füße holen. Unser Vater lachte nur, als wir ihm das erzählten.

 

Irgendwann zu dieser Zeit wurde mir auch gezeigt, wie man die einfache Buchführung für die Gaststätte macht. Im Prinzip waren nur die Rechnungen nach Datum zu sortieren, zu nummerieren und in ein Buch einzutragen. Dies gehörte dann mit zu meinen Aufgaben.

 

Damals als noch fast niemand ein Auto hatte, kaum einer ein Telefon, trafen sich die Leute abends in der Kneipe, um sich zu unterhalten.

 

Die wirtschaftlich beste Zeit unserer Gastwirtschaft war wohl ab Herbst 1953, als mein Vater beschloss, einen Fernseher anzuschaffen; das war eine immense Investition, 1200 DM kostete dieser Schrank mit dem kleinen Bildschirm damals. Aber ab sofort war, vor allem am Samstag-abend, die Gastwirtschaft voller Leute, die an diesem neuen Wunder der Technik teilhaben wollten.

 

Ab 1954 wurde das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker aus dem Musikverein Wien übertragen. Ich habe das dort noch mal erfragt als ich im Jahr 2011 in Wien meine Internet-Freundin Helga besuchte, und natürlich auch eine Führung durch diese heiligen Hallen mit machte. Natürlich gehörte das immer zur TV-Tradition bei uns zu Hause, auch wenn ich selbst diese Tradition nun nicht mehr fortsetze. Ihr wisst ja nun schon: Strauss-Walzer sind nicht mein Ding!

 

Und - klar! - anschließend gab es das Neujahrs-Skispringen.

 

Aber erst der Menschen-Andrang bei der Fußball-WM 1954! Der Fernseher stand hoch auf zwei übereinander gestellten Tischen im hintersten Raum, die Türen waren ausgehängt, und alles war voller Menschen; bis auf den Treppenabsatz vor der Eingangstür standen sie! Sehen konnten sie ja dort bestimmt nicht sehr viel (Abstand zum Fernsehgerät 15 m, Größe des Bildschirms 43 cm); aber: Dabei sein ist Alles! Und der Jubel! Ich verstand gar nicht, was da los war. “Fußball? - Was ist das?”, dachte ich wohl damals.

 

Mit dem Fernsehen ergab sich noch ein anderes Problem: Ich war ja fast vier Jahre älter als mein Bruder, durfte also normalerweise am Samstagabend auch schon mal ein Theaterstück oder eine Operette oder einen Film sehen, mein Bruder jedoch nicht. Aber statt meinem Bruder die ganze und ungeschminkte Wahrheit zu sagen, ging das nun folgendermaßen vonstatten: Wir gingen beide zu Bett, ich jedoch mit dem Schlafanzug ÜBER meinen Kleidern, und wenn Gernot dann schlief, schlich ich mich aus dem Zimmer und zum Fernsehen. Eigentlich eine lächerliche Angelegenheit.

 

Im großen und ganzen wurde ich aber trotz meiner “höheren Bildung” sehr dumm gehalten. Ich war ein richtiges “Landei”. Das blieb auch noch viele, viele Jahre so.

Dumm ist noch untertrieben; nicht im Sinne von unintelligent, aber im Sinne von zum Beispiel unaufgeklärt, verklemmt, weltfremd, naiv.

 

Mit meinem Vater, der überall wegen seiner offenen, freundlichen Art gerne gesehen war, war ich gerne unterwegs. Sei es zur Arbeit im Weinberg oder auf dem Feld, sei es bei besonderen “Exkursionen”. So z. B. zum Getreidemahlen in der Mühle in Staudernheim.

Diese Ausflüge müssen während der Schulferien stattgefunden haben, denn ansonsten hätte ich nicht mitfahren können.

 

Am frühen Morgen ging es mit dem mit Getreide beladenen Kuh-Fuhrwerk über den Berg nach Staudernheim zur Mühle, wo man uns schon mit einem deftigen Frühstück erwartete. Während unser Weizen gemahlen wurde, spielte ich mit der Tochter des Müllers draußen auf den Wiesen am Wasser und auch verbotenerweise in der Mühle. Mein Vater unterhielt sich weiter mit den Müllersleuten. Am Nachmittag ging es dann mit dem Mehl wieder heim.

 

Staudernheim war bekannt für seine Kunst-Radfahrer. Irgendwann (ich konnte bisher nicht das Jahr ermitteln) errang eine Formation des Vereines die Deutsche Meisterschaft. Und sie fuhren danach nicht etwa nach Hause nach Staudernheim, NEIN! Sie kamen zu Herbert in den “Sächsischen Hof” und feierten dort ausgiebig. In Staudernheim machte man sich erst Sorgen, dann fing man an zu telefonieren - und letztendlich fanden sie ihre Sieger. Schließlich sollte ihnen ein “großer Bahnhof” bereitet werden.

 

Als ich 12 Jahre alt war beschloss mein Vater, dass ich getauft werden sollte (und mein Bruder gleich mit), damit ich konfirmiert werden konnte. Nicht aus religiösen Gründen, sondern er begründete das so:

Jedes Kind hat “seinen” Festtag: Das katholische die Kommunion, das protestantische die Konfirmation, man könnte es weiterführen: das jüdische die Bar Mizwa, das islamische (?) - und vor allem erzählte er immer davon, dass er, als er aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam, die Konfirmation eines Nachbarskindes mit feiern konnte (für ihn nach dieser Zeit ein “Himmel auf Erden”). So etwas wollte er auch seinen Kindern ermöglichen.

 

In Waldböckelheim gab es einen relativ neuen protestantischen Seelsorger, der auch ab und zu in einem Nebenraum unserer Gaststätte Gottesdienste abhielt; er stammte wohl wie mein Vater aus der “Ostzone”. Dieser Pfarrer erklärte sich bereit, uns - mich und meinen Bruder (in einem Aufwasch) - zwar in unserem Zuhause, aber doch in seiner “Kirchen-Dependance” zu taufen.

Normalerweise werden ja nur Kinder getauft, wenn mindestens ein Elternteil der Kirche angehört.

Jedoch war er unkonventioneller als die früheren Pfarrer; es war auch ungewöhnlich, dass seine Frau nie zum Gottesdienst ging. Aber früher war er Arzt gewesen, und erst nach dem 2. Weltkrieg hatte er sich entschlossen, Theologe zu werden. Und sie sagte: “Ich habe einen Arzt geheiratet, keinen Theologen.” Diese seine Entscheidung konnte sie nicht mittragen.

 

Trotzdem ging ich nach Sobernheim zum Pfarrunterricht, für den Weg dorthin am Nachmittag hatte ich zum Geburtstag ein Fahrrad geschenkt bekommen. Und ich wurde auch dort in der Evangelischen Kirche konfirmiert. Zum ersten Abendmahlgang begleiteten mich dann meine Paten.

 

Auch der dortige Pfarrer war recht unkonventionell; und manchmal eckte er mit seinen Aussagen während seiner Predigten bei seinen “Schäfchen” an. Nach seiner Pensionierung, als er dann kein Seelsorger, sondern eben ein freier Mann war, traf er sich oft mit meinem Vater, dem “Heiden” auf ein Glas Wein und auf einen Plausch.

 

Jedenfalls - ich hatte “mein” Fest - dank meinem Vater! Und was war es für ein Fest! Es wurden ein Rind und ein Schwein geschlachtet! Ein professioneller Koch wurde engagiert, der ein paar Tage lang die Küche regierte, nachdem natürlich schon lange besprochen worden war, was es denn zu essen geben sollte. Die ganze Verwandtschaft aus nah und fern war eingeladen, es kamen mindestens ca. 50 Leute, denke ich mal heute so im nachhinein. Sogar meine Cousine Waltraud, ihr Mann und ihr Schwager waren aus München angereist.

Das war ein positives “Highlight” meiner Kindheit.

 

In den darauf folgenden Sommerferien durfte ich nach München fahren, alleine, mit der Bahn. Aber dort gefiel es mir nicht so ganz. Ich war sehr gehemmt, bekam - klar - meine Periode und traute mich nicht, etwas zu sagen. Hinzu kam, dass Waltraud endlich, nach sieben Ehejahren, schwanger war und deshalb etwas empfindlicher reagierte und auch nicht so belastbar war; aber das wusste ich nicht, das sagte mir niemand.

Zurück fuhren wir mit ihrem Käfer. Mittagsrast war an der Raststätte Baden-Baden, wo ich das erste Wiener Schnitzel meines Lebens aß, das natürlich in meiner Erinnerung das beste war, das ich jemals bekam.

 

Waltraud und ihr Mann waren dann die ersten überfürsorglichen Eltern, die ich erlebte. Sie kamen immer mal zu uns zu Besuch. Ihr Sohn wurde entsetzlich verzogen. Nicht nur, dass zumindest ein Elternteil immer mit ihm zu Bett ging; er durfte von klein auf bestimmen, welches Fernsehprogramm geschaut wurde (auch wenn sie bei uns zu Gast waren!), und wenn ihm das gerichtete Essen nicht zusagte, kochte Waltraud ihm ein eigenes Süppchen. Das erregte bei mir natürlich erheblichen Widerwillen, waren WIR doch ganz anders erzogen worden - besonders ich.

 

Negativ war, dass ich, seit ich 12/13 war, immer wieder von unserem damaligen Knecht Willi sexuell bedrängt wurde. Nicht, dass er mich vergewaltigt hätte, das hatte er sich dann doch nicht getraut. Aber er betaschte mich, wann immer es ihm möglich war, und er wollte mich küssen, was ich besonders eklig fand. Und ich, die ich vollkommen unaufgeklärt war, wusste ihm nichts entgegen zu setzen. Meine Bitten, ihn nicht in seinem Zimmer aufsuchen zu müssen, um ihm irgendwelche Anweisungen zu übermitteln, stießen bei meiner Mutter auf taube Ohren. Denn einmal kam es dazu, dass er mich auf sein Bett stieß, sich an mir rieb, bis er wohl einen Orgasmus hatte. Aber aufgrund meiner Unaufgeklärtheit konnte ich das auch nicht artikulieren - was hätte ich sagen sollen?! Es war für mich die Hölle.

An die Wäsche wollte mir auch der Bruder meines Vaters, der irgendwann mal zu Besuch aus der “Ostzone”, aus Dresden, gekommen war. Er versuchte auch immer, mich zu betatschen und mich anzufassen. Einfach eklig fand ich das!!! Und dann wurde auch noch von mir verlangt, dass ich ganz alleine mit ihm nach Bad Kreuznach fahren sollte!

 

Wann bei einem Streit zwischen mir und Frieda der Satz fiel: “Und das ist nun der Dank für die Schmerzen, die ich bei deiner Geburt erleiden musste.”, weiß ich nicht mehr genau; es war wohl irgendwann zwischen meinem 12. und 14. Lebensjahr. Aber genau so äußerte sie sich, und ich füge dem nichts hinzu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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