Teil 2 Seite 7

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Kurt Sch.

 

Es war ein großer Fehler, wenn nicht mein größter, meine Beziehung zu Kurt Sch. - eigentlich - , aber wie so viele schlechten Erfahrungen hatte sie auch eine gute Seite: Wenn ich ihn nicht kennen gelernt hätte, wäre ja auch alles, was danach kam, ganz anders verlaufen.

 

Ich lernte ihn in B. kennen, also auf der für Rheingauer falschen Rheinseite; aber das sehen die, die dort leben, genau umgekehrt.

Er war Kellermeister in einem großen Weingut im Rheingau, und er bewirtschaftete außerdem, quasi als “Heimarbeit” noch einige Weinberge, für die er von seinem Arbeitgeber extra bezahlt wurde. Aber sicher war ein solches Arrangement für beide Seiten von Vorteil, denn sonst hätte der AG es nicht so eingerichtet.

Kellermeister trinken? Manchmal ja! Und: Man sollte den Wechsel seiner Lebensumstände besser planen!

 

Er war Witwer, hatte aber - nach seiner Beschreibung - in einer nicht mehr glücklichen Beziehung gelebt. Sicher war er daran (auch) nicht ganz unschuldig gewesen, aber erstmal ist man versucht, zu glauben, was einem erzählt wird.

Danach hatte er eine Beziehung zu einer verheirateten Frau, die sich aber nicht von ihrem Ehemann trennen wollte; also war er nun auf der Suche nach einer neuen Verbindung. Da kam ich ihm gerade recht.

Denn ich konnte ihm auch bei seiner Weinbergsarbeit helfen, da ich solche Arbeit doch von Kind auf kannte. Und - eigentlich - mochte ich Feld- und Gartenarbeit. Eigentlich!

Anfangs, und solange ich mit ihm ins Bett ging, war auch alles in Ordnung.

 

Aber dann kam er eines Samstags Nachts von einer Tour mit Freunden nach Hause und beschimpfte mich fürchterlich: ich sei eine Hure und Schlampe, und mehr noch solcher netten Bezeichnungen hatte er für mich. Ich packte meine Sachen und lud alles in den Wagen, den er gekauft hatte, und ich wollte am nächsten Morgen (des Nachts, im Dunkeln, kann ich schon immer schlecht sehen und fahre nach Möglichkeit nicht mit dem Auto) bei Ufi Asyl suchen.

 

Am nächsten Morgen entschuldigte er sich für seinen Ausfall, Gründe dafür nannte er nicht, und lud mich zum Essen ein. Und ich blieb; jeder hat - jedenfalls meist - eine zweite Chance verdient. Er hatte sie nicht verdient, aber das wusste ich da noch nicht.

 

Heute würde ich ihn als Psychopathen bezeichnen, und das, was er mit mir machte, war reiner Psychoterror. Ich weiß, dass Frauen, die in solchen Situationen leben mussten, schon ihre Männer umbrachten, und dass sie dann straffrei ausgingen.

 

Leider (beziehungsweise zum Glück) gab es in meinem Umfeld keine Waffen, sonst hätte ich sicher irgendwann zu einer gegriffen; so blieb mir nichts anderes übrig, als ihn zu beißen, als er mich mal wieder beschimpfte und demütigte.

 

In der Öffentlichkeit bzw. in Anwesenheit von Freunden und Bekannten verhielt er sich freundlich und liebevoll, lobte mich über den grünen Klee. Aber wenn wir alleine waren, war ich sein “Putzlappen”, dem er jedwede Fähigkeit zu irgendeiner Tätigkeit absprach; ich war nicht fähig, ordentlich zu putzen, nicht fähig, irgendetwas im Garten oder im Weinberg zu tun, ich war - eigentlich - zu nichts nütze, und ich war nicht das Futter wert, das er mir gab.

 

Da er aber in der Öffentlichkeit sich ganz anders verhielt, glaubte mir niemand; sie hielten mich alle für “spinnert”. Ich war ja auch eine Fremde für mein Umfeld, lebte noch nicht so arg lange in diesem Ort, so dass sie mich nicht kannten.

 

Es war wirklich das Schlimmste, was mir je passiert war. Aber er schaffte es nicht, mich ganz und gar zu zerstören. Mein Überlebenswille war einfach zu groß für ihn.

 

Ich wollte wieder auf eigenen Beinen stehen und suchte nach zumindest einer Teilzeit-Arbeit.

Da las ich eines Tages, dass die ältere Besitzerin eines kleinen Hotels im Nachbarort eine Unterstützung suchte, rief dort an und vereinbarte einen Vorstellungstermin mit der Dame.

Sie wollte mir Nachricht geben; aber erst mal klingelte es am Sonntagmittag, wir wollten gerade essen, der Ehemann dieser Hotelbesitzerin stand an der Tür und wollte nun mich und meine Lebensumstände auch kennenlernen (offenbar traute er seiner Frau alleine nicht zu, solche Entscheidungen zu treffen).

Ich bekam die Stelle. Weiteres erzähle ich in einem eigenen Kapitel.

 

Natürlich war es Kurt gar nicht so recht, dass ich nun ein bisschen auf eigenen Füßen stand; war ich doch nun nicht mehr ganz so abhängig von ihm. Außerdem befürchtete er wohl, dass seine Bequemlichkeit darunter leiden könnte. Nicht, dass er nicht hätte für sich selbst sorgen können, das muss ich ihm auch heute noch zugestehen, dass er das konnte, aber es war doch sehr viel angenehmer, wenn Mann eine weibliche Bedienung hat, auch wenn er sie - eigentlich - für unfähig hält und ihr das auch immer wieder zu verstehen gibt.

 

Das einzig im nachhinein Gute an dieser Zeit war, dass ich im Konzert eines Blasorchesters eine junge Frau hörte und sah, die die Solo-Klarinette spielte; und ich dachte: Das möchte ich auch können! Klarinette ist ein tolles Instrument. Es dauerte zwar noch einige Jahre, bis ich diesen Traum verwirklichen konnte, aber es war mir vergönnt.

 

Klar endete diese Beziehung unschön. Ich hatte mir im Nachbarort, ganz in der Nähe des Hotels, in dem ich arbeitete, eine kleine teilmöblierte Wohnung gemietet, und eines Tages, als er nicht zu Hause war, lud ich meine Sachen in mein Autochen - und stand nun endlich wieder auf eigenen Füßen.

 

Einmal kam Ufi dort hin zu mir zu Besuch, an meinem ??? Geburtstag. Alles wieder ganz harmlos: Er in meinem Bett, ich auf der Couch.

 

 

 

 

Auszug aus der Familienchronik -

Kinderschwester beim Großherzog -

11. Generation

 

Lina Hahn, Tochter von Heinrich Hahn, geb. 24. April 1896 in Saarlouis.

Seit 1924 Säuglingsschwester in Darmstadt, seit 1931 als Schwester beim Großherzog von Hessen in Schloss Wolfsgarten bei Darmstadt.

 

Lina Hahn, welche als Kinderschwester 6 Jahre hindurch bei der großherzoglichen Familie war, ist mit derselben am 16. November 1937 auf dem Wege nach London, wohin sich die Familie zur Hochzeit des Prinzen Ernst Ludwig, welcher als Attaché bei der deutschen Botschaft in London war, begeben wollte, mit dem Flugzeug bei Ostende in Belgien tödlich abge-stürzt. Ihre Leiche wurde mit denen des Großherzoglichen Hauses nach Darmstadt feierlich überführt und am 21. Nov. in Saarlautern beigesetzt.

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